Alternativer Geschäftsbericht 2018/19 vom Bündnis Bahn für Alle

6. Abbau des Nachtzugverkehrs

Die Vorteile eines Nachtzugsystems waren beim Start der Bahnreform erkannt. Auch hinsichtlich der Möglichkeit, ein Wachstum des Flugverkehrs auszubremsen. Doch es kam zum schleichenden Tod der Nachtzüge. Der Boom der Billigfliegerei, mit der das Klima im besonderen Maß belastet wird, wurde dadurch begünstigt.

Heinz Dürr erklärte 1994: „Der Nachtreiseverkehr blieb bisher wegen der unzureichenden Angebote unter den Marktmöglichkeiten. Hier erwarten wir mit den neuen Angeboten […] eine Trendwende. Die Wettbewerbsvorteile der Nacht- und Hotelzüge liegt in der Kombination aus Übernachten und Fahren. Die Abfahrt am späten Abend und die Ankunft am Morgen rechtzeitig vor den üblichen Bürozeiten spart einen Arbeitstag.“ Vorgesehen waren auch weite Läufe für Nachtzüge. So kündigte Dürr damals an: „Im nächsten Jahr [1995] […] werden auf der Strecke Dortmund – London die Kanaltunnelzüge eingesetzt. Auf den Relationen Dortmund – Wien und Hamburg – Zürich die neuen D.A.CH.-Hotelzüge. Gleichzeitig werden die Schweizer Bundesbahn und die Österreichischen Bundesbahnen, die mit uns zusammen die D.A.C.H.-Hotelzug AG betreiben, ergänzende Relationen anbieten.“22

Tatsächlich investierte die DB AG noch in den 1990er Jahren massiv in den Nachtzugverkehr. 1994 nahm sie ganz neue „CityNightLine-Hotelzüge“ in Betrieb, die sich durch eine hohe Laufruhe auszeichneten und bei vielen Fahrgästen beliebt waren. Der Nachtzugverkehr ergänzte das Tagesangebot an Zügen, indem lange Strecken über Nacht schlafend zurückgelegt werden konnten und Anschlussreisen mit den normalen Zügen möglich waren. Dies war mehr als ein Jahrhundert lang auf vielen Strecken quer durch Europa eine komfortable und klimafreundliche Art des Reisens.

Leider wurden die Nachtzüge und ebenso die mit ihnen verwandten Autoreisezüge unter den Bahnchefs Hartmut Mehdorn und Rüdiger Grube seit den frühen 2000er Jahren zunehmend auf das Abstellgleis gesteuert. Die neu gekauften „Hotelzüge“ gingen 2009 aufs Abstellgleis, weil sie angeblich nicht mehr wirtschaftlich waren. Es ist zwar richtig, dass Nachtzüge auf den neu gebauten Hochgeschwindigkeitsstrecken, wo es schnelle Verbindungen am Tage gibt (z.B. Berlin – München in 4 Stunden) oft nicht mehr viel Sinn machen. Durch eben diese Hochgeschwindigkeitsstrecken ergeben sich aber auf der anderen Seite ganz neue Möglichkeiten für wesentlich längere Verbindungen, die dann im Nachtsprung zurückgelegt werden können. Genau diese Schaffung neuer attraktiver Strecken für Nachtreisezüge hat das Management der DB AG aber komplett verschlafen. Stattdessen behauptete es erst, es gebe kaum noch Interesse der Fahrgäste am Nachtzugverkehr. Tatsächlich nahmen die Fahrgastzahlen aber bis zum Ende sogar leicht zu statt ab. Und auch überaus erfolgreiche Verbindungen wie die Nachtzüge von Berlin, Hamburg und München nach Paris wurden eingestellt, obwohl sie bis zuletzt fast jede Nacht ausgebucht waren.

Der Nachtzugverkehr der DB AG wurde schließlich Ende 2016 komplett eingestellt, trotz der vielen Proteste.23 Ein Teil der Züge und Strecken wurde von den Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) übernommen und wird seitdem unter der Marke „NightJet“ betrieben. Die ÖBB sind wirtschaftlich sehr zufrieden mit diesen Zügen und strafen damit die DB-Manger Lügen, die immer wieder behauptet hatten, die Züge seien unwirtschaftlich.

Stattdessen fährt die DB nun selbst immer mehr ICE- und InterCity-Züge über Nacht, weil es eben durchaus eine große Nachfrage nach nächtlichen Verbindungen gibt. Diese Verbindungen sind allerdings mit Nachtzügen nicht zu vergleichen, weil sie nur das Reisen im Sitzen ermöglichen und man eben nicht wie bei echten Nachtzügen ausgeschlafen am Zielort ankommt.

Das Bündnis Bahn für Alle hat mit weiteren Kooperationspartnern 2016 ein Konzept für ein neues, europaweit vernetztes und vertaktetes Nachtzugnetz erstellt, den „LunaLiner“.24 Leider gibt es bislang weder in Deutschland noch auf EU-Ebene wirklich ernsthafte Bemühungen für die Umsetzung eines solchen Konzepts, das endlich die aus Klimaschutzgründen dringend erforderliche Verlagerung von innereuropäischem Verkehr aus der Luft auf die Scheine ermöglichen würde. Das europäische Netzwerk „Back on Track“ an dem Bahn für Alle beteiligt ist, setzt sich für eine Renaissance der Nachtzüge auf dem ganzen Kontinent ein.25

 

22 Geschäftsbericht 1992 („Deutsche Bahnen“), veröffentlicht im Mai 1993.

23 Weitere Informationen unter: https://www.nachtzug-bleibt.eu/

24 Stoppt das Nachtzug-AUS! Lunapark 21 - Extra 12/13 (Sommer 2016)

25 www.back-on-track.eu

 

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