Tour de Natur-Start 30. Juli 2006: Rede Winfried Wolf in Erfurt

„Stoppt die Verantwortungslosigkeit der Verantwortlichen!“

Schon 17 Mal findet diese Veranstaltung „Tour de Natur“ statt. Und 17 Mal sagten und sagen viele, die ihr begegnen: Das sind doch grüne Spinner! Das sind doch hoffnungslose oder auch mal liebenswerte Utopisten! Das sind doch professionelle Katastrophisten!

Wenn wir nun 2006 unter dem Motto radeln „Wir sind am Zug“ und auf die Gefahren der Bahnprivatisierung für Natur, Umwelt und Klima verwiesen, dann wird es ähnlich sein. Dann heißt es: Schienen sind doch altes Eisen! Bahnfreunde sind altmodische Pufferküsser. Was wollen die denn – Börse und Privatisierungen sind doch modern!

Interessant ist es, wenn man die Warnungen, die wir immer wieder mit der Tour vortrugen, auch mal aus anderem Mund hört. So gab es vor einigen Monaten eine Tagung der Evangelischen Akademie in Tutzing mit dem Titel „Transfiguration Mensch Technik Natur.” Prominentester Gast dort war der Vizedirektor des Konzerns Michelin, Patrick Oliva. Dieser hat, so die Süddeutsche Zeitung, die Tagung mit einem „analytischen Weckruf” eröffnet. Der Vizeboss des weltweit größten Reifenherstellers führte aus:

„Derzeit 800 Millionen, in zehn Jahren sogar 1,6 Milliarden Kraftfahrzeuge, eine Erhöhung der CO-2-Emissionen von 6 auf 15 Gigatonnen pro Jahr, eine Erderwärmung um fünf Grad – das alles ist für den fragilen Planeten zu viel ... Unsere instrumentellen Interventionen haben uns längst zum Feind der Natur werden lassen. Allein der Materialhunger von Chinas dynamischer Modernisierung überfordere die globalen endlichen Ressourcen. Ich rechne fest mit künftig zunehmenden Ressourcen-Kriegen.”(SZ vom 14.1.2006)

Der Auftritt des Michelin-Top-Managers ist in dreifacher Weise charakteristisch:

Erstens gibt es gerade auch in den Chefetagen der großen Konzerne einen offenen Widerspruch zwischen dem Handeln und den Worten. Interessanterweise bekennen sich einige klügere Vertreter aus dem Top-Management – wie Patrick Oliva – und große Anteilseigner – wie George Soros – mehr oder weniger offen zu diesem Widerspruch. In dieser Haltung spiegelt sich jedoch ein grenzenloser Zynismus.

Zweitens scheint es eine Art Verselbständigung der Wirtschaftsinteressen und der Profitlogik zu geben, die für die zerstörerischen Prozesse wie Bodenversiegelung und Klimaerwärmung verantwortlich gemacht werden. Diese Eigendynamik existiert ohne Zweifel bis zu einem gewissen Grad. Doch diese Tatsache lässt vergessen, dass es immer noch Menschen sind, die die spezifischen Entscheidungen treffen. Und dass diese Menschen persönliche Verantwortung tragen bzw. dass diese Menschen gerade vor dem Hintergrund ihrer zitierten Erkenntnisse völlig verantwortungslos handeln.

Drittens spiegelt sich in diesen Äußerungen ein grenzenloser und nicht gerechtfertigter Fatalismus.

Ich möchte auf die drei typischen Verhaltensmuster eingehen und sie jeweils am Beispiel der Bahnprivatisierung konkretisieren.

Zum ersten Aspekt. Ich sagte, Patrick Olivas Aussagen seien typisch für den Zynismus der Herrschenden. Da sagt einer der mächtigsten Wirtschaftsbosse der Welt, einer derjenigen, die Jahr für Jahr in Davos beim Weltwirtschaftsforum kungeln, zugleich ein Entscheidungsträger der Autobranche: Die Entwicklung der Automotorisierung ist „zuviel für den fragilen Planeten Erde“. Richtigerweise wird ein direkter Zusammenhang hergestellt zwischen Automotorisierung, Kohledioxidemissionen und Klimaerwärmung. Diese Aussage war vor 17 Jahren, als die „Tour de Natur“ zum ersten Mal startete, noch ein strikt grünes Thema. Sie wurde offiziell geleugnet. Heute wird dieser Zusammenhang auch in der offiziellen Politik eingestanden. Selbst George W. Bush hat das inzwischen, nach jahrelangem Leugnen, konzediert.

Das heißt aber im Klartext: Die Verantwortlichen betreiben sehenden Auges und erkennenden Geistes eine Entwicklung, die das Leben auf der Erde für Milliarden Menschen zur Qual macht, die der nächsten Generation – und wir haben unter uns, wohl behütet und gut abgefedert, ein sieben Woche altes Baby – die existentiellen Grundlagen für ein friedliches und menschenwürdiges Leben raubt.

Konkretisiert für die Bahn. Das offizielle Gutachten des Bundestags zur Bahnprivatisierung, erstellt von der Beratergruppe Booz Allen Hamilton, besagt:

  • Eine privatisierte Bahn führt zu einem weiteren massiven Streckenabbau. Ganze Regionen werden ohne Schienenanbindung sein.

  • Der Anteil der Schiene im Verkehrsmarkt wird weiter reduziert werden.

  • Eine privatisierte Bahn kostet die Steuerzahlenden nicht weniger als die bisherige Bahn in Bundeseigentum. Allerdings fließen dann rund 10 Milliarden Euro pro Jahr überwiegend privaten Investoren, auch Heuschrecken genannt, zu.

All das heißt, dass die Bahnprivatisierung ein Beitrag zum weiteren Anwachsen des Straßen- und des Luftverkehrs ist. Trotz der verheerenden Perspektive schwören fast alle Entscheidungsträger auf die „Lösung“ Privatisierung. Sie plädieren damit faktisch für eine weiter verschlechterte Position der Schiene. Obwohl auch die offizielle Verkehrspolitik den Schienenverkehr als wichtigen Bestandteil für eine Politik der Verkehrswende und als einen Ausweg aus der Umweltkrise und Klimagefährdung sieht.

Wir akzeptieren diesen Zynismus nicht! Wir „sind am Zug“ heißt auch: Wir demonstrieren dafür, dass diese Zusammenhänge offen gelegt und öffentlich gemacht werden!

Zum zweiten Aspekt. Patrick Oliva argumentiert mit einer Art „objektivem Prozeß“, der diese zerstörerische Entwicklung vorantreiben würde. Er verweist zum Beispiel auf den „Materialhunger von Chinas dynamischer Entwicklung“. Tatsächlich werden heute weltweit 550 Millionen Pkw gezählt (und 800 Millionen Kraftfahrzeuge). Allein in China und Indien leben rund 2,3 Milliarden Menschen. Wenn die nur so automobil gemacht werden würden, wie die DDR am Ende ihrer Existenz automobil war, nämlich ein Auto auf vier Menschen – , dann benötigte man weitere rund 550 Millionen Pkw. Die Zahl der weltweit vorhandenen Pkw würde sich schlicht verdoppeln. Auch dies wäre ein Beitrag der, um in Patrick Olivas Terminologie zu bleiben, „zu viel ist für den fragilen Planeten Erde“.

Jetzt stellen sich jedoch ein paar Fragen: Wer betreibt denn diese Entwicklung vor Ort? Sind es die Hunderte Millionen Fahrrad Fahrende, auf Rikschas Beförderte und gelegentlich auch Zug Reisende Menschen in China und Indien selbst? Ist es das Politbüro der KP Chinas? In Wirklichkeit wird die Entwicklung vor Ort in erster Linie vorangetrieben von den acht international führenden Autokonzernen und den drei weltgrößten Reifenherstellern, darunter Michelin. Und alle diese Konzerne haben ihre Firmensitze in den USA, in Westeuropa und in Japan. In der Regel produzieren sie vor Ort in China in Form von joint ventures.

Vergleichbares gilt für die Bahn. Es sind nicht die Fahrgäste und die Bevölkerung, die nach der Bahnprivatisierung verlangen. Es sind konkrete Fremdinteressen, die kaum verhüllt hier präsent sind.

  • Heinz Dürr, Vater der Bahnreform und Bahnchef 1991 bis 1998, war biss zum Antritt bei diesem Top-Job Mitglied im Vorstand von Daimler-Benz. Und er war und ist bis heute Eigentümer der Dürr AG, einer der größten Autozulieferer der Welt.

  • Hartmut Mehdorn, der aktuelle Bahnchef, ist Luftfahrtingenieur, er war jahrzehntelang Manager bei Airbus und Dasa, also einer Daimler-Benz-Tochter.

  • Michael Frenzel, der bis vor kurzem Aufsichtsratschef der Bahn AG war, ist Chef des Reise- und Touristikkonzerns TUI, der gleichzeitig Betreiber einer Billig-Airline ist.

Das heißt: Diese Art konkrete Verkehrspolitik hat ihre handfesten Gründe; sie macht für eine gewisse Sorte von Leuten Sinn: Die realen Profiteure von einem Abbau der Schiene sind die Ölkonzerne, ist die Autoindustrie, sind der Flugzeugbau (Airbus) und die Airlines. Es handelt sich nicht primär um einen objektiven Prozess. Hinter diesem stecken konkrete Interessen.

Vor zwei Wochen gab es im „Spiegel“ ein Interview mit Al Gore, dem ehemaligen Vizepräsident der USA aus der Clinton-Ära. Gore wurde gefragt, warum der Zusammenhang zwischen Klima und Verkehr den Menschen nicht bewusst sei. Gores Antwort: „Das liegt daran, dass die Ölgesellschaften zuviel Einfluß haben.“

Wir von „Tour des Natur“ sind auch hier „am Zug“ und benennen Ross und Reiter. Wir zeigen auf, dass die Politik gegen die Natur konkrete Profiteure kennt.

Zum dritten Aspekt. Bei Patrick Oliva und den verantwortlichen Politiker gibt es einen interessanten Wechsel in der Argumentation, wobei beide Arten der Argumentation die gleichen Folgen haben sollen: Zunächst wurde jahrzehntelang der enge Zusammenhang zwischen Wirtschaftsentwicklung und Umweltzerstörung bzw. Klimaerwärmung geleugnet. Nun wird er zwar zugegeben, gleichzeitig aber Fatalismus pur gepredigt gemacht. Beides soll „entwaffnend“ wirken. Das Ziel ist: Alle sollen sich fügen und die Durchsetzung der beschriebenen Interessen hinnehmen. Die Losung lautet: Keine Panik auf der Titanic! Während die Herrschaften oben im Casino mit dem Champagnerglas in der Hand noch ein Tänzchen auf dem gewienerte Parkett wagen, sollen sich im Maschinenraum die Menschen weiter plagen - bis zur angeblich unvermeidlichen Kollision.

Konkretisiert für die Bahn und die Bahnprivatisierung: Derzeit führen eine Reihe Gruppen wie attac, BUND, Robin Wood und NaturFreunde eine Kampagne unter der Losung „Bahn für Alle“ durch. In diesem Rahmen haben wir allen Bundestagsabgeordneten die Frage gestellt, warum sie denn für eine Bahnprivatisierung eintreten würden, was rein sachlich gesehen für den Verkauf des Bundeseigentums an der Deutschen Bahn AG an private „Investoren“ sprechen würde. Es gab bisher keine einzige Antwort, in der positive Aspekte für die Bahnprivatisierung vorgetragen worden wären. Stattdessen wurde immer wieder argumentiert: Dagegen kann man doch gar nicht mehr machen! Aber das ist doch alles längst beschlossen!

Wir fragen: Wo wurde das denn beschlossen? Der Bundestag ist offiziell Souverän, der Bund Eigentümer der Bahn. Hier jedenfalls gab es keinen solchen Beschluss.

Wir von „Tour de Natur“ sagen: Selbstverständlich gibt es Alternativen. Anders als vor 100, als W.I. Lenin und Henry Ford die Autogesellschaft wollten, trennen sich heute die Wege, sind die Alternativen bekannt. Erforderlich ist ein allgemeiner Ausstieg aus der Ölgesellschaft durch eine Energiewende hin zu Sonnen- und Wasser- und Windenergie. Konkretisiert für den Verkehrsbereich und die Bahnpolitik gilt: Notwendig ist eine Politik der Verkehrswende. Diese lässt sich konkretisieren in eine Politik der „drei V´s“:

  • Verkehre und Transporte können in großem Umfang VERMIEDEN werden: sehr viel vom heutigen Verkehr, vor allem von den aktuellen Lkw- und See-Transporten ist „erzwungener Verkehr“, Teil einer „Verkehrsinflation“, die durch falsche Strukturen und viel zu niedrige Transportkosten hervorgerufen werden.

  • Verkehrswege können VERKÜRZT werden: Erforderlich ist dafür eine entsprechende Strukturpolitik, sind Städte, die für die Menschen und nicht für die Autos existieren, sind Arbeitsplätze vor Ort und ist der Erhalt der regionalen Strukturen.

  • Schließlich können verbleibende Verkehre VERLAGERT werden: auf die Füße, auf die Pedale, in öffentliche Verkehrsmittel, auf die Schiene. 

Die Behauptung, „das wollen die Leute doch gar nicht!“, ist falsch. Viele Menschen haben den Zusammenhang von falscher Energie- und Verkehrspolitik einerseits und erforderlicher Umwelt- und Klimazerstörung andererseits durchaus begriffen oder sie ahnen ihn. Sie sehen oft nur keinen Weg, wie die Alternativen umgesetzt werden oder wie sie sich für solche Alternativen engagieren könnten. Am Beispiel der Bahnprivatisierung. Eine jüngere Umfrage, die im „Stern“ publiziert wurde, kommt zu dem Ergebnis: Nur rund 30 % der Bevölkerung unterstützen eine Bahnprivatisierung. Eine Mehrheit sieht sie kritisch oder lehnt sie ab.

Unsere „Tour de Natur“ verdeutlicht sehr praktisch und sattelfest diese Alternativen:

  • Wir appellieren an die Verantwortlichen, Schluß zu machen mit der Verantwortungslosigkeit!
  • Wir sagen NEIN zu dem falschen Fatalismus.
  • Wir treten optimistisch in die Pedale für eine lebenswerte Zukunft!

Nachtrag: Besucht man die französische Homepage des weltweit führenden Reifenherstellers, für den Patrick Oliva tätig ist, dann findet man dort keine Aussagen, die auch nur annähernd in Verbindung gebracht werden könnten mit einem Engagement für die Umwelt oder für den Erhalt des „fragilen Planeten“ für die späteren Generationen.

Ein gewisses Aufhorchen mag es allerdings bei der dort erfolgenden Anpreisung des neuen Michelin-Produkts „PAX” geben. Doch auch wenn das Wort „pax“ im Lateinischen für „Frieden“ steht, so handelt sich dabei nicht um die erwartete Friedenserklärung an die Natur, die Oliva in Tutzing noch anklingen ließ. Der „Sicherheits-Reifen” PAX verspricht vielmehr, „auch ohne Luft noch 200 km mit 80 km/h rollen” zu können, was das Reserverad überflüssig mache.

Nun gibt es zwar, wie eine alte grüne Losung konstatierte, „keine zweite Welt im Kofferraum“, inzwischen aber doch eine Hilfskonstruktion, mit der man ausrollen und sich im Fall einer planetarischen Panne noch auf die „Zeit danach“ vorbereiten kann. 

Winfried Wolf ist Schirmherr der „Tour de Natur“ 2006 und Sprecher der Bahnfachleutegruppe Bürgerbahn statt Börsenbahn“. Soeben erschien von ihm das Buch „In den letzten Zügen – Bürgerbahn statt Börsenwahn“, VSA, attac-basistext, 100 Seiten, 6,50 Euro.

Bündnis Bahn für alle