Braucht die DB AG privates Kapital? Wozu?

Verkehrsminister Tiefensee macht geltend, der Teilverkauf der DB AG sei notwendig, um Kapital für weitergehende Investitionen zu gewinnen. Dies wirft die Fragen auf, wo der Investitionsbedarf besteht und inwiefern privates Kapital für dessen Finanzierung tatsächlich in Frage kommt.

Die Deutsche Bahn AG investiert

  1. in ihren Fahrzeugpark, bei DB Regio mitfinanziert aus öffentlichen Mitteln,
  2. in das Schienennetz, weitgehend finanziert durch Bundesmittel, die in Zukunft mit 2,5 Milliarden Euro/Jahr gesetzlich festgelegt werden sollen,
  3. in weltweite Aufkäufe von Speditionen und Logistikunternehmen:
    Der Geschäftsbericht 2006 weist hier 31 Unternehmen mit einem Umsatz von 12,4 Milliarden Euro aus (das sind 350% im Vergleich zum Geschäftsfeld Railion (Schiene in Deutschland) mit 3,5 Milliarden Euro Umsatz!).
  4. in den Bau von Neubaustrecken, finanziert durch Baukostenzuschüsse des Bundes, bislang in der Größenordnung von 2 Mrd. Euro/Jahr.
    Die Bruttoinvestitionen in Deutschland betrugen 2006 in den Geschäftsfeldern Fern-, Nah- Stadt- und Güterverkehr 0,9 Mrd. Euro; im Bereich Netz und Stationen 5,1 Mrd. Euro, davon waren 3,7 Mrd. Euro Zuschüsse Dritter.

Der DB Konzern wies für 2006 einen Nettogewinn von 1,7 Mrd. Euro aus (1).

Aus Pressemitteilungen der vergangenen Monate ist zu entnehmen, dass die DB AG folgende Käufe erwägt oder konkret plant:

  • den Kauf der “English Welsh&Scottish Railway Holding EWS (Güterverkehr),
  • den Kauf der Transportes Ferroviarios Especiales (Transfesa) in Spanien,
  • den Erwerb der Serbischen Staatsbahn;
  • darüber hinaus gab es Berichte über das Interesse am Kauf von Häfen (Hamburg, Duisburg, Lübeck) und Stadtverkehren (Stockholm, Prag, Lyon).

Im Gegensatz dazu wurden zwei, mit dem Kerngeschäft auf der Schiene verbundene Unternehmen kürzlich verkauft:

  • die Ostsee-Fährschiff-Reederei SCANLINES AG mit Sitz in Rostock,
  • die AURELIS, die mit ihren Bahngrundstücke zu den größten Immobilienbesitzern Deutschlands zählte.

Für beide wurden laut Presseberichten insgesamt über 2 Mrd. Euro erlöst.

Der von Minister Tiefensee genannte Investitionsbedarf, der den Teilverkauf der DB AG notwendig machen soll, muss in Anbetracht der dargestellten Größenordnungen mehrere Milliarden Euro betragen. Es können damit nicht Investitionen in Fahrzeuge und Anlagen der Betriebsgesellschaften Fern-, Regional-, Stadt- oder Güterverkehr gemeint sein: Deren Fahrzeuge und Anlagen sind relativ neu, bedürfen nur Erneuerungen im Umfange von jährlich maximal 1 Milliarde Euro, die – wie bisher -- aus Abschreibungen und Zuschüssen finanziert werden können.

Als Investitions-bedürftig gelten das konventionelle Netz und die Stationen: Hier steigt das Durchschnittsalter der Bauten und Gleise. Gleichzeitig führt der kontinuierliche Abbau von Gleisen, Weichen und Gleisanschlüssen, die Stilllegung von Bahnhofsgebäuden, die Anzahl von Langsamfahrstellen sowie die Verlängerung von Fahrzeiten zu immer wiederkehrender Kritik (2).

Investitionen in Bahnanlagen führen jedoch in der Regel zu so niedrigen Kapitalrenditen, dass sie Rendite-orientiert nicht getätigt werden. Das liegt daran, dass bei Bahnen mit europäischen Standards je investierter Million Euro nur ein Umsatz in der Größenordnung von 0,15 Mio erreicht wird (3). Um eine Kapitalrendite von beispielsweise 10% zu erreichen, müsste daher bei Bahninvestitionen eine Umsatzrendite von etwa 70% geschafft werden – dies erscheint unmöglich. Daher “rentieren” sich solche Investitionen nicht.

Jeder Investor, auch wenn er nur eine Aktie besitzt, wird daher Investitionen in das Netz nicht genehmigen und ggf. per Gerichtsbeschluss verhindern (4).

Daher erscheint es folgerichtig, dass der Vorstand der DB AG die bisherige Strategie, Investitionen vor allem im Aufkauf weltweiter Speditions- und Logistik-Unternehmen zu tätigen, nach der Teilprivatisierung fortsetzen wird.

Soll die DB AG ihr Netz und ihre Stationen verbessern und deren Kapazitäten ausbauen, gibt es die folgenden Möglichkeiten, die der Bund als alleiniger Eigentümer ohne Gesetzesänderung veranlassen könnte:

  • Die ausgewiesenen Gewinne werden -- statt an die Eigentümer ausgeschüttet – re-investiert. Damit entsteht jährlich ein Investitionsvolumen von in der Größenordnung 2 Mrd. Euro.
  • Die Erlöse aus dem Verkauf von Tochtergesellschaften werden re-investiert, aktuell stehen damit über 2 Mrd. Euro zur Verfügung.
  • Es werden keine weiteren Unternehmen, die nicht mit dem Kerngeschäft Schiene in Deutschland unmittelbar verbunden sind, aufgekauft – stattdessen werden Allianzen ohne Kapitalverflechtung vereinbart (wie es die Lufthansa mit der “Star-Alliance” praktiziert).
  • Die Tochtergesellschaften außerhalb der EU werden verkauft: Sie tragen zum Kerngeschäft nichts bei, verursachen jedoch unternehmerische Risiken, für die letztendlich der Bund haftet. In der aktuellen Weltkonjunktur könnten hier Erlöse von mehreren Milliarden Euro erreicht werden.

Mit den dadurch zur Verfügung stehenden Mitteln und den geplanten Bundesleistungen kann die Infrastruktur massiv so verbessert und ausgebaut werden, dass sie damit für “Mehrverkehr auf der Schiene” qualifiziert wird.

Was gehört der DB AG? Dazu gibt der Beteiligungsbericht Auskunft, im Jahresbericht 2006 der DB AG auf den Seiten 196 und 197.

Gröbenzell, den 11.10.2007, Karl-Dieter Bodack

(1) Kritiker der Bilanz stellen fest, dass dieser Gewinn im Wesentlichen daraus resultiert, dass die DB AG die Anlage-Vermögenswerte, die durch Baukostenzuschüsse erstellt wurden, nicht bilanziert. Zusammen mit der Neubewertung des Anlagevermögens bei der Gründung der DB AG sind damit etwa 60 Mrd. Euro Anlagewerte nicht bilanziert. Würden diese abgeschrieben (wie dies Bundesbahn und Reichbahn durchführten), wäre das Ergebnis der DB AG negativ (Primon-Gutachten Seiten 469/470, Stellungnahme des Verfassers zur Anhörung im Verkehrsausschuss am 10.5.2006/Anmerkungen von Dr. Gerd Peters).

(2) Die DB AG hat seit 1994 6.257 km Gleise, 58.616 Weichen/Kreuzungen und 7.719 Privatgleisanschlüsse abgebaut (errechnet aus “Daten und Fakten 1994/95” und “2006” der DB).

(3) Die gängigen Werte des “Kapitalumschlags” (Verhältnis Umsatz zu eingesetztem Kapital) betragen bei europäischen Bahnen nur ca. 0,15, in der Chemieindustrie 1,2, im Handel 7,5!

(4) Im Memorandum “Die Bahn: Zukunftsinvestment aller Bürger” von MdB Hermann Scheer und MdB Peter Friedrich vom 14.3.2007 ist dargestellt, wie Kleinaktionäre der HEW (Hamburgische Electricitäts-Werke AG) per Gerichtbeschluss den Energieminister Günther Jansen aus dem Aufsichtsrat entfernen ließen, weil er Gemeinwohlinteressen vertrat – obwohl in der Satzung der HEW die Berücksichtigung öffentlicher Interessen verankert ist.

Bündnis Bahn für alle