2006: Dokumentation der Debatte um das Symbol "Heuschrecke"


Stellungnahme von Attac Freiburg

In seinem Plenum vom 18.07.2006 behandelte das Freiburger Plenum die von Bundes-attac angestoßene Kampagne gegen die Privatisierung der Bundesbahn.

Konsens war die generelle Ablehnung von Privatisierung von öffentlichen Gütern und Dienstleistungen. Diese Ablehnung kundzutun und auf Alternativen hinzuweisen bzw. die Entwicklung dieser einzufordern sehen auch wir als zentrale Aufgabe von attac und wir haben uns dahingehend auch bereits auf vielfältige Art und Weise engagiert.

Im Zusammenhang mit der Bahnkampagne wird von attac auf dem soeben erschienen Rundbrief und auf der Homepage eine Karikatur als Blickfang verwendet die wir entschieden ablehnen.

Nicht nur, dass die Ungeziefersymbolik in der Nazisymbolik Verwendung fand und findet, sondern auch deshalb, weil wir der Ansicht sind, dass mit dieser Symbolik die Zielrichtung unseres Protestes verwischt wird.

Die Heuschrecke steht immer für einen von außen kommenden Angriff, dem eine unschuldige, unbeteiligte bedrohte Gruppe entgegensteht.

Propaganda setzt wesentlich auf solch einfache Erklärungen, es gibt klare Unterscheidungen zwischen der guten Eigengruppe und den bösartigen Anderen. Und vor allem gibt es für jedes noch so kompexe Problem persönlich Verantwortliche und systemimmanente Ursachen. So wird beispielsweise weniger die grundsätzliche neoliberale Logik kritisch analysiert, sondern vor allem das skrupellose Verhalten von Herrn Mehdorn sowie das der „Privaten Investoren“ angeklagt und dämonisiert.

Es ist alles andere als zufällig, dass die Unterschiede zwischen „links“ und „rechts“ verschwimmen, je populistischer Politik gemacht wird. Die „Globalisierungskritik“ auch heutiger Nazis ist von linkspopulistischer Propaganda oft kaum zu unterscheiden. Gerade die Heuschreckenrhetorik, die Franz Müntefering vor einem Jahr aktualisierte, wurde von Nazis begeistert begrüßt und unterstützt.

Es ist eine ebenso hartnäckige wie gefährliche linke Illusion, dass jede Art von Unmut, Protest und Widerstand automatisch eine emanzipatorische Stoßrichtung hat. Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus usw. sind weit verbreitete Denk- und Verhaltensmuster, die gerade in Krisenzeiten zunehmen und gefährlicher werden. Für solche Tendenzen muss ein kritisches Bewusstsein entwickelt werden. Wir sollten ihnen klar entgegentreten und vor allem ihnen nicht mit populistischer Symbolik Tür und Tor öffnen.

Die aktuelle populistischen Verschärfung der Kampagne lehnen wir ab und fordern eine kritische Reflexion.

Attac Freiburg


Antwort der Kampagnengruppe "Bahn für alle"

Lieber Alfred,

ich antworte Euch im Namen der Attac-Kampagnengruppe, die für die Verwendung der Karikatur verantwortlich zeichnet. (Was unseren Webmaster angeht, findet Ihr eine persönliche Stellungnahme von ihm weiter unten, die ich auf seine Bitte hin anhänge.)

Wir sind uns durchaus bewusst, dass die Heuschrecke eine "argumentative Verkürzung" darstellt. Natürlich kann ein einzelnes Bild nicht den gesamten Hintergrund der Bahnprivatisierung ausleuchten. Sicher ist das Bild der Heuschrecke gerade auch von Müntefering falsch benutzt worden: Seine Kritik galt einzelnen Großinvestoren, hat aber nicht strukturelle Fragen thematisiert, wie es eigentlich nötig wäre.

Dennoch ist die Heuschrecke inzwischen zum Symbol für den shareholder-Kapitalismus geworden, das viele verstehen. Und wenn wir mit unserer Kampagne Erfolg haben wollen, müssen wir auch gerade solche Symbolik verwenden, um viele Menschen zu erreichen. Ich finde nicht, dass das etwas mit Populismus zu tun hat. Es bringt die Dinge nur bildlich auf den Punkt und erleichtert Menschen den Zugang, die sich noch nicht so viel mit Neoliberalismus und Co. beschäftigt haben.

Wer mehr will, findet auf unsere Webseite eine Reihe von detaillierten Analysen, die sich mit den Hintergründen befassen. Würden sich alle unsere Materialien aber mit diesen detaillierten Fragestellungen auseinandersetzen, sie blieben in den Regalen liegen wie Blei. Letztendlich ist das immer eine Gratwanderung zwischen Pointierung und Verkürzung, die jede Gruppe für sich entscheiden kann und muss. Die Bahn-Kampagnengruppe hat sich eben so entschieden, und sie verwendet das Bild der Heuschrecke. Insofern begrüße ich auch Euren Wunsch nach kritischer Reflexion.

Ich kann mich aber nicht Eurer Auffassung anschließen, die Heuschrecke würde neonazistischen Anschauungen Tür und Tor öffnen. Zuerst einmal wird eine richtige Aussage auch dadurch nicht falsch, dass sie Beifall aus der falschen Ecke erhält. Wenn Rechte auf einmal auch Globalisierungskritik betreiben, müssen wir uns mit deren Propaganda ganz entschieden auseinandersetzen. Aber doch nicht mit der Globalisierungskritik aufhören!

Richtig ist, dass man alles tun muss, um im Fall des möglichen Beifalls auch von der falschen Seite Argumente vorzutragen, die uns unverwechselbar machen. Das tun wir z.B., indem wir das demokratische Element betonen, und die angesprochenen auffordern, sich zu äußern und sich zu organisieren.

Im Übrigen sehe ich dann auch nicht den spezifisch rechten Symbolgehalt der Heuschrecke. Allein die Tatsache, dass auch die Nazis solche Vergleiche verwendet haben, trägt meiner Ansicht nach nicht. Es kommt darauf an, mit was für Ideen die Heuschrecke heutzutage verknüpft wird - und das sind weit überwiegend kein rechten. Und so lange Ihr uns in unserer sonstigen Argumentation nichts nach rechts anschlussfähges nachweisen könnt, gehen Eure Befürchtungen ins Leere. Ich sehe nicht, wo hier die Grenzen zwischen Rechts und Links verschwimmen. Und Ihr könnt z.B. niemandem in der Kampagnengruppe vorwerfen, er würde sich darauf einschießen, dass sich auch saudische Ölscheichs für die Bahn interessieren. Das wäre sicher populistisch - macht aber keiner.

Du siehst also: Wir reflektieren den Gebrauch der Heuschrecke durchaus kritisch. Aber wir finden, dass die Heuschrecke gut und gefahrlos geeignet ist, das Problem mit dem Börsengang auf den Punkt zu bringen. Und daher verwenden wir sie.

Lieben Gruß,
Chris Methmann

Juli 2006

Bündnis Bahn für alle