Sonderzeitung des Bündnisses Bahn für Alle - Winter 2008/09

Die Achsen des Bösen

Was vor Köln mit einem ICE passiert ist, war einmalig. Vergleiche mit dem größten Zugunglück in der Geschichte der Hochgeschwindigkeitszüge, dem Unfall von Eschede, verbieten sich, sie spielen mit den Ängsten der Fahrgäste und sind Stimmungsmache gegen den Bahnverkehr insgesamt.

Der erste Vergleich zu Eschede stammt allerdings von der obersten Bahnaufsichtsbehörde, dem Eisenbahnbundesamt (EBA). Keine zwei Tage nach dem Kölner Unfall wird dort diagnostiziert: "Wäre dasselbe Ereignis bei Streckengeschwindigkeit von bis zu 300 km/h aufgetreten, hätte sich mit nicht unerheblicher Wahrscheinlichkeit eine Katastrophe wie in Eschede ereignen können."

Dennoch: Was das EBA darf, darf deswegen nicht gleich jeder. Eschede ist ein Tabu. Seit Beginn der Debatte um die Bahnprivatisierung in Deutschland sind wir häufig einem ähnlich gelagerten Tabu begegnet: Wir durften den Bahnverkehr hierzulande auf keinen Fall mit dem in Großbritannien vergleichen - alles völlig anders! Wir denken, dass die Frage, was womit verglichen werden darf, Bestandteil einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung ist - und somit ein öffentliches Gut. Nachfolgend ein Vergleich der Unfälle vor Köln und vor Eschede. Zur Vermeidung von Stimmungsmache unkommentiert.

Um zu wissen, wie man etwas besser machen kann, muss man wissen, was man falsch gemacht hat. Die DB AG sucht die Schuld für ihre Achsen-Misere bei anderen: bei der Bahnindustrie ("geben keine zufriedenstellenden Garantien") oder beim Eisenbahnbundesamt ("reagieren völlig überzogen"). Aufklärung zu den Ursachen täte dabei Not. Denn schon vor einigen Jahren hat sich das gleiche Desaster abgespielt: bei einem ICE-TD brach eine Achse. Nach weiteren Achsrissen folgte die drastische Verkürzung der Prüfintervalle und der Austausch der Achsen der ganzen Zugflotte - durch solche aus normalfestem Stahl anstelle des vorher verwendeten hochfesten. All das wurde kaum kommuniziert und scheint heute fast vergessen.

Am 15. Dezember 2008 hat die Bahn acht neue Ultraschall-Prüfanlagen bestellt, um die Kontrolle der Achsen an ICE-Zügen zu beschleunigen. Außerdem für eine halbe Milliarde Euro bestellt: 15 neue ICEs - mit neu dimensionierten Achsen. Wir vermuten: mit normalfestem anstelle des vorher hochfesten Stahls. Fragen nach einer gegebenenfalls erhöhten Belastung oder vernachlässigten Wartung möchte man so wohl ausweichen. Wir fragen, wie oft sich so etwas wiederholen muss, bis die Ursachen einmal aufgeklärt werden. Bahn für Alle hat Wissenschaftler befragt und eine Ursachenanalyse zusammengestellt.


Veröffentlichung des Bündnisses „Bahn für Alle“ als Beilage in der taz am 22. Dezember 2008 sowie als „Sonderzeitung für eine Bürgerbahn“. Texte und Layout wurden ehrenamtlich erstellt. Trotzdem kostet der Druck der Zeitung mehrere Tausend Euro. Unterstützen Sie die Kampagne mit einer Spende. Die Beilage kann als Sonderzeitung über den attac-Webshop bestellt werden. Sie eignet sich gut für Aktionen vor Ort - zum Verteilen vor Bahnhöfen, zum dezenten Hinterlassen in Zügen, für Stände usw.


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