Sonderzeitung des Bündnisses Bahn für Alle - Winter 2008/09

Kurzsichtig und kundenfeindlich: Fahrpreise der Bahn

von Tim Engartner

„Unsere Züge schonen die Umwelt. Unsere Preise schonen ihren Geldbeutel.“ So lautet der Werbeslogan auf Lokomotiven der Deutschen Bahn AG (DB AG). Dessen ungeachtet hat das „Unternehmen Zukunft“ am 14. Dezember 2008 zum sechsten Mal innerhalb von fünf Jahren die Fahrpreise angehoben – diesmal um durchschnittlich 3,9 Prozent. Insgesamt ist die Verteuerung der Tickets in diesem Zeitraum mehr als doppelt so groß wie die allgemeine Inflation (vgl. Tabelle und Grafik). Darüber hinaus sind die Länder-Tickets um einen Euro und das Schöne-Wochenende-Ticket um zwei Euro teurer geworden. Die BahnCard 50 wurde von 220 € auf 225 € verteuert. Warum nur treibt der Bahn-Vorstand den großen Kundenstamm der preissensiblen Vielfahrer mit völlig überzogenen Fahrpreiserhöhungen weiter in die Autos bzw. in die Flugzeuge von Air Berlin, Germanwings und Ryanair?

Dabei ist in Vergessenheit geraten, dass ein wachsender Personenkreis — man denke an die stark angestiegene Zahl der Erwerbslosen und älteren Mitmenschen — mangels materieller Ausstattung bzw. aufgrund des Alters und fehlender gesundheitlicher Voraussetzungen auf keinen anderen Verkehrsträger ausweichen kann. Vergessen sind die Zeiten, in denen der Staat Familien mit wenigstens drei Kindern den sogenannten Wuermeling-Pass ausgab, der einer kostenlosen BahnCard 50 entsprach. In einer Zeit, in der Mobilität wichtiger ist denn je, muss ein reicher Staat wie die Bundesrepublik dafür sorgen, dass auch diejenigen Bevölkerungsgruppen mobil sind, die über kein eigenes Kraftfahrzeug verfügen und daher auf preiswerte Angebote im ÖPNV angewiesen sind.

Statt einer abermaligen Fahrpreiserhöhung wäre ein anderer Schritt dringend geboten: Der „Tarifdschungel“ gehört gelichtet! Selbst leidenschaftliche Bahnfahrer werden bei der Ermittlung des maximalen Rabatts zwischen den Sparpreisen 25 und 50 unter gleichzeitiger Berücksichtigung der Dauer-Spezial-Angebote abgeschreckt. Immer noch ist im Kundenbewusstsein als Systemvorteil der Bahn fest verankert, dass man „eigentlich“ flexibel zu-, um- und aussteigen kann. Doch seit 2002 wird dieser mehr als hundert Jahre alte Vorteil durch die „Zugbindung“ bzw. durch die höheren Tarife bei flexibler Bahnnutzung unterlaufen. Nun werden auch die Frühbucher mit teureren Tickets aus den Zügen vertrieben – mit gravierenden Folgen für den an sich umwelt- und sozialverträglichsten Verkehrsträger.


Veröffentlichung des Bündnisses „Bahn für Alle“ als Beilage in der taz am 22. Dezember 2008 sowie als „Sonderzeitung für eine Bürgerbahn“. Texte und Layout wurden ehrenamtlich erstellt. Trotzdem kostet der Druck der Zeitung mehrere Tausend Euro. Unterstützen Sie die Kampagne mit einer Spende. Die Beilage kann als Sonderzeitung über den attac-Webshop bestellt werden. Sie eignet sich gut für Aktionen vor Ort - zum Verteilen vor Bahnhöfen, zum dezenten Hinterlassen in Zügen, für Stände usw.


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