Sonderzeitung des Bündnisses Bahn für Alle - Winter 2008/09
Warum eigentlich wurde der Börsengang der Bahn verschoben?
Der Börsengang der Bahn wurde angeblich wegen der Finanzkrise abgesagt. Wirklich? Ereignisse rund um die ICE-Achsen unterscheiden sich vom Datum ihres Auftretens teilweise deutlich von dem ihres Bekanntwerdens. Wir haben ein bisschen für Sie gepuzzelt: Setzt man diese Ereignisse, Regierungserklärungen und die Reaktionen der DB AG zusammen, entsteht ein neues und – wie wir finden – hochinteressantes Bild.
9. Juli 2008
Der ICE 518 ‚Wolfsburg‘ befindet
sich auf der für 300 km/h
ausgelegten Neubaustrecke von
Frankfurt nach Köln, als eine
Radsatzwelle aufgrund von Materialermüdung
bricht. Hinweise
von Fahrgästen auf bedrohliche
Geräusche führen nicht zur Unterbrechung
der Fahrt. Der Bruch
führt nicht unmittelbar zur Entgleisung.
Erst bei der Ausfahrt aus
dem Kölner Hauptbahnhof springt
der Zug bei Schrittempo von den
Schienen. Niemand wird verletzt.
10. Juli 2008
Im Zuge einer Anhörung zu Entgleisung
und Achsbruch bei der
Bahnaufsichtsbehörde, dem Eisenbahnbundesamt
(EBA), wird der
DB AG ein mündlicher Bescheid
erteilt: Die vorläufige Stillegung
der ICE-3-Flotte. Danach sind alle
Fahrzeuge der Baureihe, deren Ultraschallprüfung
mehr als 60.000
km zurückliegt, nach Beendigung
der am 10.07.2008 begonnenen
Zugfahrt aus dem Betrieb zu nehmen.
Die DB AG folgt dem Bescheid
nicht und reicht statt dessen
ein Schreiben ein, das begründet,
warum die DB AG die Züge nicht
sofort aus dem Verkehr zieht.
11. Juli 2008
Das EBA wiederholt seinen
mündlichen Bescheid vom Vortag
schriftlich und verleiht ihm zusätzlich
Nachdruck: Durch einen
Vergleich mit Eschede und durch
Anordnung des Vollzugs „wegen
Gefahr im Verzug als Notstandsmaßnahme
im öffentlichen Interesse
im Sinne des § 80 Abs. 3 Nr.
2 Verwaltungsgerichtsordnung”.
11. Juli 2008
40 Stunden nach dem Unfall zieht
die DB AG die gesamte ICE3-Flotte
aus dem Verkehr zur Überprüfung
aller Radsatzwellen. In Stellungnahmen
gibt die DB AG an, die
Stillegung der ICE3-Flotte auf eigenes
Betreiben hin vorzunehmen.
18. Juli 2008
Die DB AG gibt bekannt, dass der
geplante Börsengang um zehn
Tage auf den 27.10.08 vorgezogen
wird. Für eine Beschleunigung
des Verkaufs ist die Bahn
nach eigenen Angaben bereit,
einen etwas niedrigeren Emissionserlös
zu akzeptieren.
29. Juli 2008
Vier Wissenschaftler von Bürgerbahn
statt Börsenbahn (BsB), zugleich
Mitglied bei Bahn für Alle,
erstatten im Zusammenhang mit
dem ICE-Unfall in Köln Strafanzeige
gegen die DB AG.
5. August 2008
Das Bündnis Bahn für Alle veröffentlicht
eine achtseitigen Sonderbeilage
in der Tageszeitung taz zu
den Hintergründen des ICE-Achsbruchs.
Insbesondere werden
zahlreiche Hinweise veröffentlicht,
die darauf hinweisen, dass es infolge
systematischer Vernachlässigung
von Sicherheitsaspekten
zum Achsbruch kam.
6. August 2008
Bei der Routineuntersuchung
eines ICE-T im ICE-Werk München
wird am Fahrzeug 411163-9
ein zwei Millimeter tiefer Anriss
an einer Treibradsatzwelle festgestellt.
Die betroffene Achse wird
darauf ausgebaut und in Kassel
weiter untersucht.
19. September 2008, 11:00
Das Bündnis Bahn für Alle und die
NRW-Grünen im Landtag informieren
auf einer Pressekonferenz
in Köln über den ICE-Achsbruch.
Unter anderem wird berichtet,
dass die Staatsanwaltschaft Köln
den Eingang der Strafanzeige
vom 29.7. noch nicht bestätigt
hat.
19. September 2008, 13:02
Das Finanzministerium dementiert,
dass der Börsengang der
Deutschen Bahn wegen der Finanzkrise
verschoben wird. „Es
gibt aus unserer Sicht momentan
keinen Grund, hier in irgendeiner
Form vom verabredeten Fahrplan
abzugehen“ sagt ein Sprecher
gegenüber Reuters.
19. September 2008, 14:00
Die Staatsanwaltschaft Köln bestätigt
den Eingang der Strafanzeige
vom 04. August und teilt
erstmalig das Aktenzeichen mit.
24. September 2008
Die von der Staatsanwaltschaft
Köln beauftragte
Schadensanalyse
der Bundesanstalt für
Materialprüfung (BAM)
zur gebrochenen ICE-Achse
wird dem EBA
und der DB AG vorgestellt.
Aus dem 81-seitigen
Bericht geht zweifelsfrei
hervor, dass ein
Ermüdungsbruch als
Ursache des Unfalls in
Köln ermittelt wurde.
Diese Tatsache wird gegenüber
der Öffentlichkeit
bis Mitte Oktober
verschwiegen werden.
26. September 2008
Die DB AG veröffentlicht bundesweit
in allen größeren Zeitungen
eine vierseitige Anzeige. Aus dem
Inhalt: „Herr Mehdorn, was hat
Deutschland, was haben Millionen
Fahrgäste vom Börsengang
der DB Mobility Logistics AG zu
erwarten? Hartmut Mehdorn: 1.:
Wir können in Deutschland wieder
in eine moderne Eisenbahn
investieren. 2.: Es wird auch
mehr und bessere internationale
Verbindungen geben. Und 3.:
Natürlich wollen wir weltweit unsere
Stellung ausbauen.“
3. Oktober 2008
Der Börsenprospekt wird den Ministern
Steinbrück, Glos und Tiefensee
vorgelegt. Es werden darin
umfangreiche Risiken zu den
ICE-Achsen ausgewiesen.
6. Oktober 2008
Das EBA erfährt aus Prüfprotokollen
der DB AG, dass dort seit
dem Unfall in Köln Achsen nicht
wie gefordert millimetergenau,
sondern nur mit einer Genauigkeit
von zwei Millimetern geprüft
werden. Ebenfalls aktenkundig
wird der bereits am 6. August
aufgefundene Riss an einer ICE-T-
Achse. Das EBA erstellt einen
neuen Bescheid an die DB AG.
7. Oktober 2008
Die Bahn legt gegen den EBA-Bescheid
Widerspruch ein mit dem
Argument, sie gerate durch die
Auflagen in betriebliche Schwierigkeiten.
„Natürlich können wir
die Ultraschalluntersuchung auf
einen Millimeter umstellen”, sagte
Bahnsprecher Jürgen Kornmann.
„Dabei würden wir aber derart
viele Fehl-Echos durch kleinste
Verschmutzungen erhalten, dass
wir jede Achse ausbauen und einer
Einzeluntersuchung unterziehen
müssten.”
9. Oktober 2008
Bundesfinanzminister Peer Steinbrück
gibt die „Verschiebung″
des Bahnbörsengangs bekannt.
Er begründet dies mit der aktuellen
Finanzkrise. „Wir werden
das Vermögen des Bundes nicht
zur Unzeit an den Kapitalmarkt
bringen“, erklärt Finanzminister
Peer Steinbrück. Der Börsengang
an sich stehe aber nicht in Frage.
Einen neuen Termin nennt er
nicht. Die Vorbereitungen für die
Bahnprivatisierung gehen weiter.
„Sobald das Marktumfeld einen
erfolgreichen Börsengang möglich
macht, sind wir startklar.
Die Weichen sind gestellt“, sagt
Steinbrück.
10. Oktober 2008
Bahn und Aufsichtsbehörde einigen
sich im Zuge des gerichtlichen
Eilverfahrens darauf, dass
die Bahn ihre ICE-3-Züge - je
nach verwendetem Werkstoff der
Radsatzwellen - alle 30.000 oder
60.000 Kilometer in die Werkstatt
bringen muss. In der Einigung
vor Gericht gibt das Eisenbahnbundesamt
zwar seine Forderung
nach einer „Tiefen-Untersuchung”
auf, beharrt aber mit Erfolg auf
den kürzeren Zeitabständen zwischen
den Werkstattterminen.
Als Grund für die verschärfte
Kontrolle gibt das EBA an, dass
die Bahn zum betreffenden Zeitpunkt
zu einer millimetergenauen
Überprüfung der Radsatzwellen
technisch noch nicht in der Lage
ist. Daraufhin wird vom EBA eine
zweimillimetergenaue Überprüfung
angeordnet mit der gleichzeitigen
Verfügung, die Inspektionsintervalle
zu halbieren.
13. Oktober 2008
Die ursprünglich für diesen Tag
geplante Veröffentlichung des
Börsenprospekts findet nicht
statt. Der Inhalt des 600-Seiten-
Dokuments, das mit drei Bundesministerien
und der Bundesanstalt
für Finanzdienstleistungsaufsicht
(BAFIN) abgestimmt worden war,
wird bis heute wie ein Top-Geheim-Dokument behandelt.
14. Oktober 2008
Die Deutsche Bahn informiert
nach eigenen Angaben das Eisenbahn-Bundesamt und das
Herstellerkonsortium über den
Rissfund an einer ICE-T-Radsatzwelle
im August. Die kürzeren
Wartungsintervalle gelten in der
Folge sofort auch für die 70 Neigetechnikzüge.
23. Oktober 2008
Die ICE-T-Züge der Baureihen 411
und 415 dürfen nur noch mit abgeschalteter
Neigetechnik verkehren.
25. Oktober 2008
Von der DB AG wird ein Großteil
der ICE-T-Flotte aus dem Verkehr
gezogen. Die DB gibt an, dass
fehlende Garantien der Hersteller
zur Haltbarkeit der Achsen dafür
der Grund seien, da das verkürzte
Wartungsintervall für die Bahn
als Dauerzustand nicht hinnehmbar
sei.
27. Oktober 2008
Die ursprünglich für diesen Tag
geplante Erstemission von DB
ML-Aktien findet nicht statt. Eine
Mitarbeiterin für Öffentlichkeitsarbeit
der
Frankfurter Börse AG
bedauert im Zuge einer
Besucherführung:
„Eigentlich war für heute
der Börsengang der
Bahn AG vorgesehen.
Da hätten Sie ein Spektakel
erleben können.“
30. Oktober 2008
Bei einer technischen
Nachuntersuchung von
ICE-T-Zügen findet die
DB AG bei einer weiteren
Achse einen millimetertiefen
Riss.
1. November 2008
Das EBA verordnet die Herabsetzung
des Wartungsintervalls der
ICE-T auf generell 45.000 Kilometer.
5. November 2008
Es wird die weitere Verschiebung
des Bahnbörsengangs bekannt
gegeben. Zur Frage, ob noch in
der laufenden Legislaturperiode
ein weiterer Anlauf genommen
werden soll, werden innerhalb
der Regierung unterschiedliche
Positionen bekannt. Der Sprecher
des Bundesfinanzministeriums
Torsten Albig schließt in Berlin einen
Börsengang noch in der laufenden
Legislaturperiode aus.
Regierungssprecher Ulrich Wilhelm
und Finanzminister Steinbrück
gehen davon aus, dass die
Bundesregierung 2009 keine Einnahmen
aus dem Börsengang der
Deutschen Bahn erzielen wird.
Kanzleramtschef de Mazière widerspricht
der Darstellung des Finanzministeriums
und bezeichnet
die Teilprivatisierung als „aufgeschoben
aber nicht aufgehoben“.
10. November 2008
Bahn-Aufsichtsrat Eggert Voscherau,
Ex-Vorstandsmitglied
der BASF AG, kündigt an, sein
Amt aus Ärger über die Absage
des Börsengangs durch die Bundesregierung
niederzulegen. Der
Bund habe in den vergangenen
Jahren akzeptiert, dass sich die
Bahn zu einem internationalen
Logistikdienstleister „mit angehängtem
Personenverkehr“ entwickle.
„Es kann nicht sein, dass
der Aufsichtsrat aus der Presse
erfährt, was der Eigentümer mit
dem Unternehmen vorhat”, sagte
Voscherau.
30. November 2008
Die DB stellt der Bahnindustrie
ein Ultimatum bis zur Klarstellung,
welche Laufleistungen die
Achsen tatsächlich zwischen zwei
Prüfungen erbringen dürfen.
„Wenn die Achsen nicht die vereinbarten
Laufleistungen erbringen,
ist es Sache des Herstellers,
hier für Abhilfe zu sorgen. Wir erwarten,
dass die Industrie in den
nächsten 14 Tagen endgültig für
Klarheit sorgt“, so Mehdorn.
1. Dezember 2008
Es wird bekannt, dass die DB AG
auf Seite 36 des Börsenprospekts
die enormen Risiken mit den ICE-Achsen
und den Rechtsstreit mit
dem EBA wie folgt beschreibt.
„Sollten die Anordnungen des Eisenbahn-Bundesamtes gerichtlich
bestätigt werden, könnte das
zu erheblichen Einschränkungen
des ICE-3-Verkehrs und damit
verbundenen Umsatzverlusten
sowie erheblichen Mehraufwendungen
(z. B. für Ersatzbeschaffungen)
führen.“ Zudem könnten
„weitere über die bisherigen
Forderungen des EBA hinausgehende
Maßnahmen für die gesamte
ICE-3-Flotte und andere
ICE-Baureihen ergriffen werden,
die einen erheblichen Kostenaufwand
oder Umsatzausfälle für
den DBML- Konzern verursachen
könnten“.
5. Dezember 2008
Angeblich wegen der Wirtschaftskrise
muss der Vorstand einen
völlig neuen Finanzplan für den
Zeitraum 2009 bis 2013 erarbeiten.
Das berichtet die Süddeutsche
Zeitung unter Berufung
auf Bahnkreise. Bahn und Politik
nehmen dazu keine Stellung.
10. Dezember 2008
Der Aufsichtsrat der DB AG stimmt
bei Anwesenheit von Regierungs-
und Gewerkschafts-(Transnet-)Vertretern einer Weiterverfolgung
der Bahnprivatisierung für das
Frühjahr 2009 zu. Gemäß eines
Vorschlags des Vorstands sollen
weniger als 24,9% der Transport-
und Dienstleistungstöchter direkt
an Investoren abgegeben werden.
Zum eigentlichen Börsengang
etwa zwei Jahre später könnten
die Anteile als so genannte fungible
Aktien in börsengehandelte
Papiere gewandelt werden.
15. Dezember 2008
Die DB AG bestellt 15 neue ICE-Züge
— ohne Risikoachsen. „Diese
Züge gehören zu einer neuen
ICE-Generation, die eine neue
Achskonstruktion haben werden“,
sagte Mehdorn. Außerdem
werden acht neue Ultraschallprüfanlagen
bestellt, um die Kontrolle
der Achsen an ICE-Zügen zu
beschleunigen.
Veröffentlichung des Bündnisses „Bahn für Alle“ als Beilage in der taz am 22. Dezember 2008 sowie als „Sonderzeitung für eine Bürgerbahn“. Texte und Layout wurden ehrenamtlich erstellt. Trotzdem kostet der Druck der Zeitung mehrere Tausend Euro. Unterstützen Sie die Kampagne mit einer Spende. Die Beilage kann als Sonderzeitung über den attac-Webshop bestellt werden. Sie eignet sich gut für Aktionen vor Ort - zum Verteilen vor Bahnhöfen, zum dezenten Hinterlassen in Zügen, für Stände usw.

