Brisante Fachveröffentlichungen

Spätestens seit 2006 gibt es in der Fachliteratur ernstzunehmende Hinweise auf die Tatsache, dass die geltenden Normen zur Auslegung der Radsatzwellen für Hochgeschwindigkeitszüge (EN 13103 und 13104) unzureichend sind. In Heft 3/2006 der Fachzeitschrift "ZEVrail / Glasers Annalen" veröffentlichten die Wissenschaftler Dr. Ing. Gerhard Fischer und Professor Dr. Vatroslav Grubisic einen Aufsatz zum Thema "Versagen von Radsatzwellen und dessen Ursachen". Sie beschrieben dort eine Reihe – anonymisierte – Radsatzwellenbrüche und unterstrichen dabei, dass "das Bemühen, für jeden Schaden Sondereinflüsse" geltend zu machen, zu "falschen Konsequenzen" führt. Auf Grundlage einer Reihe von Untersuchungen und unter Verweis auf weitere Fachliteratur stellen die Autoren fest, dass "die im realen Betrieb auftretenden Betriebsbelastungen und Beanspruchungen oft deutlich höher liegen als die nach den Normen EN 13103 und EN 13104 ermittelten, sodass nach der Norm keine sichere Bemessung gewährleistet ist." Die große Zahl der Brüche an Radsatzwellen und die Bewertung der Schadensursachen zeigten, "dass die bisher durchgeführte ´dauerfeste Auslegung´ entsprechend den Normen DIN EN 13103 und 13104 nicht zutrifft".

Nach einer aus Sicht der beiden Autoren wenig qualifizierten Replik auf diesen Beitrag meldeten sich Fischer und Grubisic Anfang 2008 in derselben Fachzeitschrift (1-2, Januar-Februar 2008) erneut mit "Hinweisen zur Dimensionierung von Radsatzwellen" zu Wort. In diesem Beitrag "ent-anonymisierten" sie ihre 2006 angeführten Radsatzwellenbrüche (die Anonymisierung wurde auf Druck der Bahntechnik-Hersteller vorgenommen). Nun wird der Radsatzwellenbruch an einem ICE-TD am 2.12.2002 explizit in diese Kontext gestellt. Ausdrücklich wird auf die unzureichend ausgelegten Radsatzwellen der neuen ICE-3 eingegangen und für diese neue ICE-Generation festgestellt: "Die gemessenen Höchstwerte der Spannungen überschreiten die nach EN berechneten um ca. 19 % am Laufradansatz und um ca. 17 % am Treibradansatz." Gemessen an der üblichen "Tonlage" eines fachwissenschaftlichen Beitrags heißt es dann fast provokativ: "Es leitet sich hieraus unwillkürlich die Frage ab, ob diese Wellen mit den gemessenen Spannungshöchstwerten dann noch die Dauerfestigkeitskriterien nach der EN 13103 und EN 13104 erfüllen." In einem weiteren Fachbeitrag ging Prof. Grubisic auf das Thema "Betriebsfeste Bemessung von Radsatzwellen" ein. Er machte dabei Vorschläge, wie neue Berechnungen für die Höchstbelastungen von Radsatzwellen vorgenommen werden können und wie auf diese Weise in Zukunft die Gefahr von Radsatzwellenbrüchen weitgehend vermieden werden kann. Dieser Aufsatz erschien bereits 2006 (Eisenbahntechnische Rudschau ETR 55 (2006), 3.). Um es zu verdeutlichen: Die Autoren gaben in den zwei auszugsweise zitierten Beiträgen zu Protokoll, dass die ICE-Radsatzwellen angesichts der von ihnen registrierten Belastungen, die deutlich über dem Niveau liegen, die bei den geltenden DIN- und EN-Normen als maximal angenommen werden, brechen – und damit schwere Unfälle auslösen - können. Das Fachwissen der Autoren ist unbestritten: Dr.-Ing Gerhard Fischer war Top-Mann am renommierten Fraunhofer Institut; er ist seit 2002 Gutachter beim Eisenbahn-Bundesamt. Prof. Dr. Ing. Vatroslav Grubisic war bis 1996 stellvertretender Direktor des Fraunhofer Instituts in Darmstadt; er arbeitet seither als selbständig beratender Ingenieur.

Die Herausgeberschaft der zitierten Zeitschrift ist pikant: Die Zeitschrift "ZEVrail / Glasers Annalen" (www.zevrail.de) wird herausgegeben u.a. von Dr. Karl-Friedrich Rausch. Dieser ist Mitglied des Vorstands der Deutschen Bahn AG und in diesem verantwortlich für den Fernverkehr, so insbesondere für den ICE-Verkehr.


Die Beiträge der taz-Beilage:

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Post aus London – Ein Brief von Alex Gordon an Bahn für Alle


 

Bündnis Bahn für alle