Presseschau Juli 2010

12.07.2010 - Nach Hitzechaos massive Kritik an der Bahn

Pressestimmen: "Die Bahn hat zwei Probleme: Sommer und Winter"

Augsburger Allgemeine:
In den Redaktionen macht sich Wehmut breit. Die Leitartikler erinnern sich, als die Bahn noch verkündete: "Alle reden über das Wetter. Wir nicht." Der Klimaanlagenausfall ist für sie ein weiterer Beweis, dass das Unternehmen dem Kunden kaum noch etwas bietet.
http://www.augsburger-allgemeine.de/Home/Nachrichten/Politik/Artikel,-Nach-Hitzechaos-massive-Kritik-an-der-Bahn-_arid,2193325_regid,2_puid,2_pageid,4290.html

Augsburger Allgemeine, Kommentar:
Der totale Ausfall der Klimaanlagen in mehreren ICE-Zügen am heißesten Wochenende des Jahres wirft in vielerlei Hinsicht ein bezeichnendes Licht auf den Zustand der Deutschen Bahn. Auch wenn der Bahnchef nicht mehr Hartmut Mehdorn, sondern Rüdiger Grube heißt: Im Umgang mit der Öffentlichkeit, dem Kundenservice, der technischen Wartung, dem Krisenmanagement, ja sogar in der Sicherheit seiner Passagiere hat das Staatsunternehmen Bahn noch immer erheblichen Nachholbedarf.
http://www.augsburger-allgemeine.de/Home/Nachrichten/Politik/Artikel,-Die-Bahn-offenbart-ihre-alten-Schwaechen-_arid,2193287_regid,2_puid,2_pageid,4290.html

Südwest Presse, Ulm:
"Die Bahn hat zwei Probleme: Sommer und Winter. Wahlweise funktioniert die Heizung oder die Klimaanlage nicht - falls nicht gerade bei voller Fahrt eine Tür aus dem Wagen fliegt oder ein Radreifen gebrochen und deshalb der komplette Zug entgleist ist. Der Ausfall der Kühlanlage in gleich mehreren ICE-Zügen zeigt: Wer nur zu spät ans Ziel kommt, hat Glück gehabt, denn er kann froh sein, die Reise zumindest ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen überstanden zu haben. Dass die Pannen angesichts der Gesamtzahl reibungslos abgewickelter Fahrten Extreme darstellen dürften, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass aus dem über Jahrzehnte zuverlässigen Transportmittel Bahn längst ein Wackelkandidat geworden ist, dem man leider bescheinigen muss: Reisen ist wieder zum Abenteuer geworden."

Trierischer Volksfreund:
"Die Bahn hat recht: Es ist die Ausnahme, dass in einem ICE die Klimaanlage ausfällt. Es ist auch die Ausnahme, dass ein Flugzeug abstürzt. Trotzdem würde sich wohl kein Chef einer Fluggesellschaft danach hinstellen und sagen, dass die restlichen Flugzeuge problemlos fliegen würden. Mal wieder hat die Bahn ihr schlechtes oder besser fehlendes Krisenmanagement unter Beweis gestellt. Sobald etwas Außerplanmäßiges geschieht, wird erst einmal abgewiegelt und beschwichtigt." "Soviel weiß jeder Laie, der mal an einer Lok von Piko oder Märklin gefummelt hat: Züge fahren zu lassen, erfordert Können. Die Profis der Deutschen Bahn aber haben ihre Technik nicht ausreichend im Griff. Um zu dieser Einsicht zu kommen, ist es keineswegs notwendig, in einen Waggon zu steigen. Auch Außenstehende bleiben auf dem Laufenden, weil der Konzern in erschreckender Beharrlichkeit Negativschlagzeilen produziert. Mal ging es um einen gebrochenen Radreifen, später um Schweißnähte von Triebköpfen, dann um defekte Radsatzwellen und erst vor einigen Monaten um eine bei voller Fahrt davongeflogene Waggontür."

Mitteldeutsche Zeitung, Halle:
"Dass sich die Bahn bei den Reisenden entschuldigt, ist eine Selbstverständlichkeit. Dass der Konzern aber darauf verweist, es sei nur ein verschwindend kleiner Teil der täglichen Zugverbindungen betroffen gewesen, führt in die falsche Richtung. Denn das wichtigste Kapital der Bahn ist Zuverlässigkeit und kompetenter Service. An beidem fehlt es: Vor allem auf viel befahrenen Fernverbindungen sind Verspätungen an der Tagesordnung. Das Material verschleißt, die Wartungsintervalle scheinen zu lang. Und viele Zugbegleiter sind überfordert, sobald irgendetwas außerhalb des normalen Betriebs passiert. All diese Probleme lassen sich nicht von heute auf morgen lösen. Die Bahn aber muss sie anpacken. Sonst landet sie auf dem Abstellgleis."

Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Essen:
"Merkt der Bahnmanager Rüdiger Grube jetzt, auf was er sich - auf Bitte der Kanzlerin - eingelassen hat? Sieht er, wie Vorgänger Mehdorn das Mega-Unternehmen runtergewirtschaftet hat in der Absicht, es börsentauglich zu machen und den größten Logistikkonzern der Welt zu stricken? Übrig blieben: 50 Grad Celsius. Stehplätze. Keine Luft zum Atmen. Der dramatische Ausfall der Klimatisierung im ICE 846 am letzten Samstag war für die Fahrgäste eine traumatische Erfahrung. Für Grube ist die Evakuierung des Zuges in Bielefeld dagegen das allerletzte Warnsignal, die rasende Fahrt auf Verschleiß zu stoppen. Der über Jahre versteckt angesetzte Rotstift hat die Zuverlässigkeit des mal sehr zuverlässigen Systems Bahn ruiniert. Achsen, Bremsen, Türen funktionieren nicht. Im Herbst sind Weichen verstopft, im Winter Lüfter verschneit, im Hochsommer kapituliert die Klimaanlage. Das verärgert, erstens, die Millionen-Kundschaft, die die Schiene als eigentlich sauberes Verkehrsmittel schätzt."

Stuttgarter Zeitung:
"Der Imageschaden ist natürlich groß. Nicht so sehr, weil die Kühltechnik versagte. Solche Ausfälle werden sich wohl nie zu vertretbaren Kosten ausschließen lassen, auch wenn eine intensivere Wartung etwas hilft. Bedenklicher ist das schlechte Krisenmanagement. Erst sind die defekten Wagen bei der Gluthitze offenbar zu lange auf der Schiene gewesen. Dann ließ auch noch die Hilfe für die Passagiere auf sich warten. Die Vorkehrungen für die Ausnahmesituation waren also unzureichend. Die Bahn muss hier etwa durch eine stärkere Schulung der Servicekräfte nacharbeiten."

Badische Neueste Nachrichten, Karlsruhe:
"Alle reden vom Wetter. Wir nicht. Es ist schon viele Jahre her, dass sich die Deutsche Bahn mit diesem Werbespruch als angenehme Allwetter-Alternative zu anderen Verkehrsmitteln brüstete. Und doch gewinnt der Slogan in diesen Tagen eine ganz besondere Brisanz. Die Bahn muss nämlich dringend über das Wetter reden - und darüber, wie sie in Zukunft gedenkt, mit extremen Temperaturen umzugehen. Nach dem Ausfall mehrerer Klimaanlagen in Zügen am Wochenende machten gestern erneut aufgeheizte Waggons den Reisenden zu schaffen. Das Krisenmanagement der Bahn hat hier ganz klar versagt."

Weser-Kurier, Bremen:
"Der Umgang mit Pannen bei der Bahn ist einfach schlecht. Entweder gibt es darüber nur standardisierte Informationen, die berühmt-berüchtigten Störungen im Betriebsablauf, oder gar keine. Zudem hat ein größerer Teil des Zugpersonals nach wie vor die Attitüden eines Lehrers, der mit seinen Schülern auf Klassenfahrt ist. Soll heißen: Der Fahrgast wird nicht als (ziemlich gut) zahlender Kunde begriffen, sondern als jemand, der Aufforderungen und Anweisungen Folge zu leisten hat, um den gestörten Betriebsablauf nicht noch weiter zu gefährden. Genau hier beginnt das Problem, das bei den jetzt auftretenden Vorfällen in überfüllten, brütend heißen Zügen endet. Der Bahn ist es trotz mehrerer Versuche nicht gelungen, den Passagieren das Gefühl zu geben, sie würde alles für ihre Zufriedenheit und ihr Wohlergehen tun. Im Gegenteil: Der Kunde fühlt sich nach wie vor allein gelassen. Inzwischen ist es in Deutschland einfacher, einen Flug zu buchen und störungsfrei hinter sich zu bringen, als eine ganz normale Bahnfahrt - was vielleicht auch daran liegt, dass es in der Luft einfach mehr Konkurrenz gibt als auf der Schiene."

Rhein-Neckar-Zeitung, Heidelberg:
"Die Deutsche Bahn steckt im Schwitzkasten. Ausfallende Klimaanlagen machen dem Unternehmen zu schaffen. Fahrgäste werden zunehmend sauer auf die Firma mit dem weiß-roten Logo. Und das zu Recht. Denn die Panne vom Wochenende mit massiven Kühltechniken war vorhersehbar und macht eines deutlich: Die Wartung der 15 Jahre alten ICE2-Züge darf nicht weiter vernachlässigt werden."


Nachrichten zum Milliarden-Wahn Stuttgart 21:

Im Dunstkreis von Machtmissbrauch und Größenwahn, Filmbericht von Frontal 21 am 02.03.2010 und weiterführende Infos unter http://stuttgart-21-kartell.de

Stuttgarter Nachrichten vom 13.07.2010: Bahn will Seitenflügel im August abreißen
Stuttgart - Die Deutsche Bahn will ungeachtet des Rechtsstreits um den Abriss des nördlichen Seitenflügels des Stuttgarter Hauptbahnhofes rasch Fakten schaffen: Schon im August soll damit begonnen werden, das Gebäude abzutragen, sagte der Sprecher des Bahnprojektes Stuttgart 21, Wolfgang Drexler (SPD), am Dienstag.
Beim Oberlandesgericht Stuttgart hat Peter Dübbers, Enkel des Bahnhofsarchitekten Paul Bonatz, Berufung gegen ein Urteil des Landgerichts eingereicht. Dort war seine Urheberrechtsklage gegen den Abriss der Seitenflügel im Mai zurückgewiesen worden. http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.stuttgart-21-bahn-will-seitenfl uegel-im-august-abreissen.c99ca5d0-6bf4-403c-b64c-4f99000953fd.html

Protestchor gegen Stuttgart 21, vom 16.07.2010:
http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.keine-probe-im-schauspiel-prote stchor-gegen-stuttgart-21.44b79354-51f5-4d10-880c-476e104c162c.html

Aktion 05.07. während der Montagsdemo, Bildmaterial unter:
http://www.dropbox.com/gallery/5564170/1/2010-07-05%20Banner%20Hauptbahnhof? h=5ccc0c

Sternmarsch und Protestfestival am 10.07.2010, Bildmaterial unter:
http://www.dropbox.com/gallery/5564170/1/2010-07-10%20Demo%2010.000?h=3c2214
und www.action-stuttgart.de Seitenlink Aktuell


23.07.

Sieht so aus, als wollte der Bahnchef jetzt gut Wetter machen. Er sagt, bei der Bahn müsse erst einmal viel in Ordnung gebracht werden, ein Börsengang ist erstmal "in weiter Ferne". Das ganze Interview:
http://www.tagesschau.de/inland/grubeinterview100.html

Und ein weiteres Interview (mit dem Verkehrswissenschaftler Günter Löffler, TU Dresden), in dem die Pannen ganz klar mit Wartungsmängeln in Verbindung gebracht werden:
http://www.tagesschau.de/inland/bahnint100.html

Bündnis Bahn für alle