Sie wollen, dass wir blind sind.

Friedrich W. wird mit hoher Wahrscheinlichkeit für immer blind bleiben. Friedrich W. konnte zuvor gut sehen. Am 30.9.2010 hat der 66-Jährige gesehen, was um ihn geschah: Schüler lagen am Boden und ein Wasserwerfer rückte auf sie vor, hinter den Schülern war kein Ausweg. Da hat er getan, was jeder in einer solchen Situation hätte tun sollen - er hat sich schützend vor die Schüler gestellt. Für diesen selbstlosen Einsatz wurde er mit der vollen Wucht eines Wasserwerferstrahls bedacht, der Strahl schoß ihm ein Auge aus der Augenhöhle und verletzte das andere so schwer, dass ihm das Augenlicht gänzlich genommen wurde.
In diesen Stunden des 30.9.2010 wurden in Stuttgart viele andere ebenfalls an den Augen verletzt, durch den reinen Druck des Strahls aus den Wasserwerfern, aber auch durch das dem Wasser beigemengtes CS-Gas und durch eine Reizstoff, der verharmlosend "Pfefferspray" genannt wird.

Was bedeuten diese vielen Verletzungen an den Augen?

1. Physisch

Blut im Auge und Netzhautverletzungen

Nach einem Schlag auf das Auge kann eine Blutung unter die Bindehaut gelangen. Befindet sich Blut hinter der Hornhaut, muss umgehend behandelt werden.
Die Netzhaut des Auges ist eine dünne Nervenschicht auf der Rückseite des Augapfels. Sie nimmt das Licht wahr und leitet die Informationen über den Sehnerv zum Gehirn weiter. Verletzungen der Netzhaut können durch Prellungen auftreten. Das zeigt sich durch Schmerzen und teilweise Blindheit. Bei größeren Netzhautablösungen folgt schmerzlos ein Verlust des Sehvermögens wie ein herab fallender Vorhang.

Sehverlust durch eine Verletzung

Augenverletzungen verursachen Schmerzen, Tränenlaufen und einen Lidkrampf. Wenn der Verletzte bei Bewusstsein ist, zeigt eine nicht auf Licht reagierende oder nur langsam reagierende Pupille oder nicht runde Pupille eine schwere Augenverletzung an. Symptome sind neben den Schmerzen, Lichtscheue, Tränen, Lidschwellung und Rötung des Auges. Es können sowohl Teile des Gesichtsfeldes ausfallen, als auch eine allgemeine Sehverschlechterung bis hin zur Erblindung innerhalb von Minuten eintreten.

Schnelle ärztliche Hilfe

Bei ernsten Verletzungen am Auge muß es schnell gehen. Netzhautablösungen können aufgehalten werden, Blutungen gestoppt. Dazu bedarf es der Hilfe von Augenärzten. Am 30.9.2010 wurden in Stuttgart viele Menschen an den Augen verletzt, und diese Verletzungen waren aus dem Vorgehender Polizei heraus im Voraus völlig absehbar. Hat die Polizei, hat die Einsatzleitung im Vorfeld oder im Verlauf der Ausschreitungen dafür gesorgt, dass viele Augenärzte und Rettungssanitäter vor Ort waren? Waren Rettungsgassen vorgesehen für Krankenwagen? So wie die Berichte bisher lauten, wurde nichts vorbereitet, nichts während der Einsätze veranlaßt, und die Rettungswagen fanden sich in der Stadt durch zahlreiche Polizeisperren im Zugang zu den Verletzten enorm behindert.


2. Nicht mehr sehen

Wir sollen nicht sehen, was sie tun

Stuttgart 21 ist nicht nur ein das größte Infrastrukturvorhaben Europas, es ist auch das geheimste dieser Größenordnung. Gutachten, die für das öffentlich tagende Parlament als Entscheidungsgrundlage erstellt wurden, die aber zu kritisch ausfielen, bleiben geheim: Wir bekommen nicht einmal zu sehen, welche Gutachten beauftragt wurden. Die DB AG als Unternehmen, das zwar zu 100% in staatlicher Hand ist, aber als privates Unternehmen firmiert und an die Börse strebt, beruft sich ausnahmslos auf das Betriebsgeheimnis. Die gesamte Planung ist geheim, die zugrundeliegenden Gutachten sind geheim, die Kostenberechnungen sind geheim, die Verkehrsanalysen sind geheim, die Planungen zu den freiwerdenden Immobilien sind geheim. Wir bekommen nichts von alldem zu sehen.

Wir sollen geblendet werden

Die Architekturzeichnungen für S21 zeigen alles in strahlendem Weiß, weiße Züge, weiße Säulen, weiße Bahnsteige, selbst die Schienen und das Gleisbett sind auf den Zeichnungen weiß. Man kann in den Schnitten in den Bahnhof hineinschauen wie in ein gut ausgeleuchtetes Terrarium, oben sieht man an einer weißen Decke große, transparente Fenster, durch die ein blauer Himmel mit weißen Wolken leuchtet. Und von überall her strahlt, gleißt das Weiß.
Diese weiße Welt ist die Welt der Geblendeten. S21 wird ein Dunkelbahnhof sein, unter der Erde, fast ohne Tageslicht. Treppen auf den Bahnsteigen werden auch die künstliche Beleuchtung verstellen und noch dunklere Ecken erzeugen. All das sollen wir in den Architekturzeichnungen nicht sehen. Wir sollen geblendet werden. Wir sollen geblendet sein.

Wir sollen in die Dunkelheit fahren

Wer nach zukünftig Stuttgart einfährt, wird die Stadt nicht mehr sehen, er kommt durch einen Tunnel. Wer aus dem Zug nach draußen durchs Fenster sieht, wird nur die immer gleiche Dunkelheit sehen, am Tage und in der Nacht. Blinde werden diesen Verlust vielleicht nicht spüren.
Wer Stuttgart verläßt, wird nicht wehmütig zurückschauen können. Er wird nach unten steigen, und dann wird er unterirdisch abreisen, wie durch den Hinterausgang: durch den Unterausgang, in die Dunkelheit.

Wir sollen eine Augenbinde tragen

Was am 30.09.2010 in Stuttgart geschehen ist, ist offensichtlich geschehen, hat unter den Augen aller stattgefunden. Über zehntausend Menschen waren dabei und haben es gesehen. Eine Live-Kamera hat ständig bewegte Bilder davon ins Internet übertragen. Im Internet haben noch mehr Menschen dies gesehen: dass die Demonstranten friedlich waren und der schwarze Block von den Polizisten gebildet wurde.
Hunderte, wenn nicht tausende Fotokameras und Dutzende Filmkameras haben die Unverhältnismäßigkeit des Vorgehens festgehalten, die Willkür der Polizei und ihre Brutalität. Auch diese Bilder und Filme stehen im Internet und eine täglich wachsende Zahl von Menschen kann an der Sicht der Betroffenen auf die Geschehnisse teilhaben.

Aber wieso nicht leugnen, was offensichtlich ist? Ministerpräsident Mappus und Innenminister Rech nennen den Einsatz erforderlich, rechtmäßig und verhältnismäßig. Sind sie sich sicher, dass wir bereits blind sind?
Sie sind überzeugt, dass sie ungestraft bleiben werden. Sie sind sich sicher, dass Justitia keine Augenbinde tragen wird.
Wir sollen die Augenbinde der Justitia tragen.

Carl Waßmuth
Berlin, den 06.10.2010

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