Der Abgang von Rüdiger Grube und die Kopflos-Bahn

Am 31. März 2018 wird es soweit sein: Drei führende Repräsentanten der Deutschen Bahn AG – Volker Kefer, Rüdiger Grube und Utz-Helmuth Felcht – haben dann im Zeitraum von nur 15 Monaten den Bahnkonzern verlassen. Kefer ging am 31. Dezember 2016. Grube am 30. Januar 2017. Felcht verlässt den Konzern am 31. März 2018, zwei Wochen nach der Bilanzpressekonferenz.

Einen solchen personellen Kahlschlag gab es in der 24-jährigen Geschichte der Deutschen Bahn AG noch nie. Es handelt sich um einen Aderlass: Kefer hatte im Konzern zehn Jahre lang führende Positionen inne. Grube war knapp acht Jahre Bahnchef. Felcht übte seine Tätigkeit als Aufsichtsratsvorsitzender acht Jahre lang aus.

Einmaliger personeller Kahlschlag

Es gab auch nie einen Bahnchef-Abgang wie denjenigen vom 30. Januar 2017. Als Heinz Dürr 1997 ging, hatte sich dies im Vorfeld abgezeichnet; Dürr ging dann auch nicht aus dem Konzern, sondern war noch knapp zwei Jahre lang Vorsitzender des Aufsichtsrats, womit eine gewisse Kontinuität gewahrt blieb. Als Johannes Ludewig 1999 – stark belastet durch die Eisenbahnkatastrophe von Eschede 1998 – gegangen wurde, war dies offensichtlich Resultat eines politischen Durchgriffs seitens des Kanzlers Gerhard Schröder. Er wollte mit Hartmut Mehdorn einen Macher-Bahnchef, der die Bahn an die Börse bringt. Der relativ harte Übergang an der Spitze wurde abgefedert durch einen relativ festen Stamm von Vorstandsmitgliedern aus der Dürr- und Ludewig-Periode und – bis 2001 - durch den Aufsichtsratsvorsitzenden Dieter Vogel.

Mehdorn musste dann im Mai 2009 – zu diesem Zeitpunkt bereits geschwächt durch das Scheitern des Bahnbörsengangs – aus einem höchst konkreten Grund gehen: Er ließ Journalisten und die Belegschaft ausspionieren. Sein Rauswurf war nachvollziehbar.

Auch beim Übergang von Mehdorn zu Grube blieben Vorstand und Aufsichtsrat längere Zeit weitgehend von personellen Veränderungen ausgespart; es konnte eine relative Kontinuität gewahrt werden. Volker Kefer war bereits seit 2006 fester Bestandteil des Top-Managements der DB AG. Ulrich Homburg nahm seit 2003 (und bis Mitte 2015) führende Positionen im Bahn-Konzern ein.

Nun also am 30. Januar 2017 der für die Öffentlichkeit, für die Bundesregierung und für die Belegschaft völlig überraschende Abgang des Bahnchefs Rüdiger Grube. Und im genannten 15-Monats-Zeitraum die drei Abgänge des Bahn-Spitzenpersonals. Wobei an der Spitze der Bahn ein Mann steht, der von vielen Beobachtern als Übergangs- und Notlösung verstanden wird. Und der mit seiner Doppelfunktion als Finanzchef und Bahnchef bereits strukturell geschwächt ist (siehe unten.)

Denkwürdiger und fragwürdiger Grube-Abgang

Doch warum ging Grube? Weil sein Vertrag nicht um drei Jahre verlängert werden sollte, sondern nur um zwei? Weil er auf Basis des modifizierten Vertrags „bereits“ im Alter von 68 Jahren anstelle mit 69 in den Ruhestand geschickt werden sollte? Das ist wenig glaubwürdig.

Zum Vorgang selbst: Am 27. Januar 2017 hatte der Personalausschuss des Aufsichtsrates beschlossen, Grubes Vertrag um drei Jahre, bis Ende 2020, zu verlängern. Diesem Ausschuss gehören neben Felcht der EVG-Vorsitzende Alexander Kirchner, der Vorsitzende des Konzernbetriebsrats Jens Schwarz (ebenfalls EVG) und der Staatssekretär Michael Odenwald (CDU) an. Die Entscheidung fiel einstimmig. Die beiden GroKo-Parteien waren eingebunden. Was ging schief?

Auf der besagten Sitzung des Aufsichtsrats war es das Aufsichtsratsmitglied Jürgen Großmann, Vertreter der Arbeitgeberseite, der laut Augenzeugen einigermaßen überraschend die Dreijahresfrist in Frage stellte (und indirekt auf zwei Jahre plädierte). Darauf soll Grube heftig reagiert und im Verlauf einer „schlecht vorbereiteten und schlecht moderierten Diskussion“ – so Wikipedia – schließlich seinen Rücktritt erklärt haben.

Nun ist jedoch Jürgen Großmann mit Grube befreundet; er war 2015 Gast bei Grubes Hochzeit mit der „Starköchin“ Cornelia Poletto.1 Grossmann und Grube schritten auch allgemeinpolitisch Seit‘ an Seit‘; beide waren sie Erstunterzeichner des Energiepolitischen Appells vom 21. August 2010, in dem die Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke gefordert wurde. Grossmann gehört zu den Frogs“, den „Friends of Gerhard Schröder“, einer SPD-Ingroup, die stark vom niedersächsischen SPD-Landesverband geprägt ist. Grube wiederum gilt als SPD-nah. Warum also sollte ein „Frog“ seinen Freund Grube provozieren; diesen gar zur Weißglut bringen. Mit dem Hinweis auf die „Uneinigkeit der Arbeitgeberbank“ erklärte dann schließlich auch Kirchner als Vertreter der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat, einem Dreijahresvertrag nicht mehr zustimmen zu wollen.

Ein Hintergrundartikel, der erst im Februar 2018 erschien, wirft ein neues Licht auf den Grube-Abgang. Er basiert auf einem Gespräch mit Grube – ein Jahr nach seinem Abgang bei der Deutschen Bahn. In diesem Artikel wird von dem Welt-Journalisten Nikolaus Doll, der meist kompetent berichtet und vor allem nah an den Top-Leuten der Wirtschaft dran ist, berichtet, dass Grube „so ein, zwei Jahre vor seinen Abgang bei der Bahn“ aufgehört habe „für den Job dort zu brennen.“ Doll nennt sogar Datum und Ort, wann es bei Grube nach dessen eigener Darstellung dazu kam, dass er auf Distanz zu seinem Job ging: Da habe er am 22. Juli 2016, also ein ganzes halbes Jahr vor seiner Demission in Maschen bei Hamburg ein Schlüsselerlebnis gehabt. Und es sei ausgerechnet die Festlegung der Bahn auf „Zuverlässigkeit“ anstelle Gewinnmaximierung gewesen, weswegen Grube sich innerlich damals bereits vom Bahnkonzern entfernt, wenn nicht verabschiedet habe.2

Doch wenn das so war, dass damals Grube bereits „nicht mehr für die Bahn brannte“, dann wirkt es einigermaßen fragwürdig, wenn dieselbe Person für eine besonders lange Vertragsverlängerung kämpft und wegen des Eindampfens der Vertragsverlängerung von drei auf zwei Jahre die Brocken schmeißt.

Der Aufsichtsrat gibt einstimmig einen Freibrief für die Abfindung

Der Abgang hat jedoch noch eine ganz andere Seite: Warum, so ist zu fragen, erteilte der Aufsichtsrat dieser Fahnenflucht des Bahnchefs auch noch seinen Segen, indem er „einstimmig der Bitte Grubes (entsprach), mit sofortiger Wirkung seine Bestellung zum DB-Vorstandsvorsitzenden aufzuheben und seinen laufenden Vertrag durch eine Auflösungsvereinbarung zu beenden“?3 Dies war die Entscheidung dafür, dass Grube trotz des denkwürdigen Abgangs, der einer Desertion gleichkommt, die erwähnte großzügige Abfindung für 11 Monate Untätigkeit erhielt. Laut Geschäftsbericht 2017 wurden an Rüdiger Grube für das Jahr 2017 2,3 Millionen Euro bezahlt. Davon entfielen 2,251 Millionen auf "Bezüge im Zusammenhang mit der vorzeitigen Beendigung der Tätigkeit".4 Das waren, angesichts der real 30 Tage Amtszeit als Bahnchef, 76.667 Euro pro Tag. Das ist skandalös. Es geht hier um eine vom Steuerzahler bzw. den Fahrgästen zu finanzierende Großzügigkeit gegenüber einem Großverdiener. Es geht um einen Staatskonzern, dessen Spitzenpersonal gegenüber den 300.000 „normalen“ Bahnbeschäftigten niemals von Großzügigkeit gekennzeichnet war und ist. Um ein Unternehmen, in dem – um ein Beispiel herauszugreifen – die Lokführer und das übrige Personal auf den Zügen, in harten Streiks dafür kämpfen mussten, dass ihr Salär etwas angehoben und der Arbeitsstress etwas reduziert wurde. Um einen Konzern, der gegenüber seinen Beschäftigten und den Gewerkschaften EVG und GDL immer wieder auf „Sparzwänge“ verwies. Verwiesen sei hier exemplarisch auf die – in der Amtszeit von Rüdiger Grube erfolgte – Schließung von DB European Railservice GmbH (DB ERS), einer hundertprozentigen Tochter der DB Fernverkehr AG, die für die Nachtzüge der Deutschen Bahn zuständig war. Der Nachtzugverkehr der Deutschen Bahn AG war Ende 2016 eingestellt worden. Die Deutsche Bahn AG hatte sich geweigert, die hiervon betroffenen annähernd 500 ERS-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nahtlos bei DB Fernverkehr weiter zu beschäftigen. Sie tat dies, obwohl diese (Raben-)Mutter teilweise mit derselben Zugnummer und in derselben Fahrplanlage nach dem Nachtzug-Tod plötzlich Intercitys mit eigenem Personal einsetzte, wo früher CNL-Nachtzüge mit ERS-Personal fuhren - eigentlich ein klassischer Betriebsübergang. Das ERS-Personal wurde stattdessen zu DB Jobservice abgeschoben und sollte Lohneinbußen von 30 oder 40 Prozent hinnehmen. Hätte jemand in dieser Situation die Brocken so hingeworfen wie Herr Grube dies tat, dann wäre er oder sie gemäß Tarifvertrag mit ungefähr zwei Monatsgehältern abgefunden worden.5 Bilanz: Der Aufsichtsrat selbst gab einstimmig grünes Licht für die unverantwortliche, großzügige Ausstattung der „Auflösungsvereinbarung“ für Rüdiger Grube. Die konkrete Höhe der Abfindung wurde entweder erneut im Personalausschuss des Aufsichtsrats oder im Präsidialausschuss dieses Gremiums getroffen. Beide Gremien sind personell identisch besetzt – von den erwähnten Herren Felcht, Kirchner, Schwarz und Odenwald

Ein denkwürdiger Abschiedsbrief – der weiteren Schaden im Unternehmen anrichtet

Der Abgang des Ex-Bahnchefs Grube hat noch eine andere Komponente. Unerklärlich ist, wie ein Bahnchef, der den Konzern Knall auf Fall verließ, tags darauf in sein Büro gehen und einen Brief an alle Bahnbeschäftigten schreiben kann – ohne dass dieses Schreiben von dem neuen Interims-Bahnchef Richard Lutz zumindest durchgesehen und dann entweder gestoppt oder zumindest kommentiert wird.

Denn dieser Grube-Abschiedsbrief hatte es in sich. Er war geeignet, weiteren Schaden dem Unternehmen zuzufügen, indem das Top-Management der Bahn, das ohnehin bei den Beschäftigten nicht im besten Ruf steht, lächerlich gemacht wird, ja sich selbst lächerlich macht.

Der Abschiedsbrief des Ex-Bahnchefs an die Bahnbeschäftigten beginnt mit der Anrede „Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen“. Zur Erinnerung: Rüdiger Grube erhielt bereits für das Jahr 2016 2,434 Millionen Euro Vergütungen.6 Die „Kolleginnen und Kollegen“, an die Grube sein Rundschreiben adressiert, sind Zugbegleiter mit rund 1800 netto, Lokführer mit 2500 netto oder auch Mitarbeiter, die für 1200 netto die DB-Kantinen putzen. In dem Abschiedsbrief bittet der Ex-Bahnchef diese 300.000 „Kolleginnen und Kollegen“ um „Verständnis“ dafür, dass er Knall auf Fall den Konzern verlässt. Dies gipfelt in dem Satz: „Wie Sie wissen, komme ich vom Bauernhof. Da habe ich gelernt, was Geradlinigkeit und zu seinem Wort stehen bedeutet.“ Halten wir fest: Würde ein Lokführer, ein Stellwerker oder irgendein gewöhnlicher Bahnbeschäftigter, der Verantwortung trägt, auf vergleichbare Art und Weise das Unternehmen verlassen, dann würde das zu Recht als verantwortungslos eingestuft werden. Grubes Verhalten würde – auf diesen Bereich übertragen – heißen, dass ein Stellwerker, der in der Mittagspause ein unerfreuliches Gespräch mit dem Chef hat, sofort nach Hause geht. Oder dass der Lokführer, der während seiner Schicht hört, dass zuhause ein Brief mit „Versetzungsantrag abgelehnt“ eingetroffen ist, seinen Zug am nächsten Bahnhof stehen lässt. Es geht hier um einseitige „fristlose Kündigungen“ von Beschäftigten nach dem Motto „Macht doch Euern Dreck alleene!" Würde ein solches Verhalten im Bahnkonzern Schule machen, dann würde der Eisenbahnverkehr schlicht kollabieren.

 

2 „Es war der 22. Juli 2016. Grube war damals mit Verkehrsminister Dobrindt auf Bahn-Rundreise, um den riesigen Rangierbahnhof Maschen südlich von Hamburg zu besichtigen. Der Tag war angenehm warm, die Stimmung gut. Bis Dobrindt den Journalisten nebenbei erzählte, „Gewinnmaximierung“ stehe bei der Bahn nicht mehr im Vordergrund. Wichtiger sei ein verlässlicher und stabiler Schienenverkehr. Das dürften Millionen von Bahn-Kunden ähnlich sehen. Grube war stocksauer, zeigte das offen. Der DB-Vorstandschef wusste: Die Bahn AG ist nun nach Plan der Bundesregierung eine Bundesbahn 2.0, ein Staatsunternehmen, das sich von der Politik und Beamten wieder sagen lassen soll, wo es langgeht.“ Nikolaus Doll, „Meine Vorbilder sind älter und noch voll im Job“, in: Welt.de vom 19. Februar 2018. Man hätte Dobrindt solche Aussagen ja kaum zugetraut. Man hätte aber zugleich niemals einem Bahnchef zugetraut, dass für ihn die Festlegung der Bahn auf „Zuverlässigkeit und stabilen Schienenverkehr“ eine Horror-Vorstellung sein würde. Siehe: https://www.welt.de/wirtschaft/article173724181/Ruediger-Grube-Meine-Vorbilder-sind-noch-aelter-und-noch-voll-im-Job.html [abgerufen am 18.3.2018]

3 So der Wikipedia-Bericht. Danach schied Grube im Übrigen formal erst am 1. August 2017 aus dem Unternehmen aus.

4 Integrierter Bericht 2017, Seite 374 (Bericht an unsere Stakeholder). Erstmals veröffentlicht von: Thomas Wüpper, Hohe Abfindung für Ex-Bahn-Chef Grube, in: Stuttgarter Zeitung vom 17. März 2018.

5 Wir orientieren uns hier am »Demografie-Tarifvertrag« und der dort festgehaltenen Berechnungsmethode für Abfindungen. Diese sind gestaffelt nach Alter und Betriebszugehörigkeit (Grube kam nur auf sieben volle Jahre Amtszeit). Wer das Angebot eines »Neuorientierungsvertrages« ablehnte (was vergleichbar ist mit Grubes Weigerung, den Vertrag mit den neuen Bedingungen zu unterschreiben), dem wird die tarifliche Abfindung auf ein Drittel gekürzt. Am Beispiel eines Zugführers mit rund 2.450 Euro tariflichem Brutto ergibt dies laut Datenbank DB eine Abfindung in Höhe von 4.750 Euro.

6 Konkret: 900.000 Euro feste + 522.000 Euro variable Vergütung + 15.000 geldwerte Vorteile + 997.000 „Zuführungen zu den Pensionsrückstellungen“.

Bündnis Bahn für alle