Alternativer Geschäftsbericht 2018/19 vom Bündnis Bahn für Alle

10. Die Bahnbeschäftigten

Die Bahnreform sollte den Bahnbeschäftigten eine gute und sichere Zukunft bieten. Tatsächlich wurde die Belegschaft halbiert. Die Arbeitsintensität wurde stark erhöht. Es fehlen Zehntausende Fachkräfte, was direkte Folgen für den Bahnbetrieb und die Instandhaltung hat. Die Verwendung des Begriffs „Eisenbahnerfamilie“ wird nur noch als Hohn empfunden.

Heinz Dürr postulierte 1993: „Das Ziel lautet, den Eisenbahnerinnen und Eisenbahnern eine langfristige […] Perspektive zu geben sowie das Unternehmen für Mitarbeiter attraktiv zu machen.“48 Propagiert wurde weniger Hierarchie und mehr Verantwortung an der Basis: „Wir werden in der Deutschen Bahn eine flache Organisation und vor allem entscheidungsberechtigte Führungsebenen haben. Das bedeutet: Mehr Kompetenz vor Ort […] weniger Vermerke, mehr Miteinander. Weg vom Kästchendenken, hin zum Denken in Unternehmen.“49

Tatsächlich wurde seit 1994 die Zahl der Beschäftigten im (gesamten) Schienenbereich knapp halbiert – von 340.000 auf 180.000 Vollzeitkräfte. Es kam zu einer deutlichen Verdichtung der Arbeit. Es erfolgte eine Entwertung vieler Berufe – u.a. durch verkürzte Ausbildungszeiten. Die Identifikation der Beschäftigten mit dem Unternehmen DB ist so niedrig wie nie zuvor. Viele haben bereits innerlich gekündigt, weil sie die strukturellen Probleme im Konzern sehen und als Ansprechpartner der Fahrgäste vieles abfangen müssen, gleichzeitig aber nichts an den grundsätzlich verfehlten Strukturen verändern können.

Heute fehlen der Deutschen Bahn AG tausende Beschäftigte, überwiegend Fachkräfte. Dies trifft in besonderem Maß für die Bereiche Zugpersonal, Lokführer, Fahrdienstleiter, Wagenmeister, IT-Spezialisten zu. „An allen Ecken und Enden fehlt Personal“, so ein aktueller Bericht.50 Hinzufügen sollte man: Es fehlt eher nicht im Bereichen des oberen und obersten Managements.

Ende 2018 wurden dann auch hier eine Offensive auf Rekordniveau angekündigt. So hieß es im Handelsblatt: „Die Deutsche Bahn AG setzt zur größten Beschäftigungsoffensive in ihrer Geschichte an. Die Zahl der Neueinstellungen für dieses Jahr soll auf 24.000 steigen, so viel wie noch nie. Das wären zehntausend mehr als im Durchschnitt vergangener Jahre.“51 In Wirklichkeit bezieht sich diese Zahl auf den gesamten Konzern und damit auch auf Bereiche, die nichts mit dem Schienenverkehr zu tun haben (siehe den folgenden Abschnitt). Vor allem kommt diese „Offensive“ viel zu spät. Und vieles spricht dafür, dass es sich hier, wie bei den „Investitionsoffensiven“, von denen seit 25 Jahren die Rede ist, um eine weitere Seifenblase handelt.

Bahnchef Lutz hielt es dann für originell, als er Ende 2018 im Rahmen dieser Offensive, hier konkretisiert für den Bereich der Lokführer, sagte: „Jeder, der nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird eingestellt.“52 Tatsächlich zeigt dies aber die geringe Wertschätzung, die die hochbezahlten DB-Manager den „lieben Mitarbeiterinnen und lieben Mitarbeitern“ oft entgegenbringen.

 

48 Geschäftsbericht 1992 („Deutsche Bahnen“), veröffentlicht im Mai 1993 / Dürrs Statement auf der Bilanzpressekonferenz vom 26. Mai 1994.

49 In: Die Deutschen Bahnen 1992, S.8f.

50 Kerstin Schwenn, Kopfgeld für Lokführer, in. Frankfurter allgemeine Zeitung vom 16. November 2018.

51 Handelsblatt vom 15. November 2018.

52 Zitiert in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16. November 2018.


 

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