Polen: Kapitalismus und die Bahn

Am 29. April haben die Gewerkschaftsführer der Bahn die Regierung bei einer Demonstration aufgefordert die Polnische Staatsbahn finanziell zu unterstützen. Schon heute sehe es so aus, dass der Bahn weniger Finanzen zufließen als den privaten Betrieben in den so genannten Speziellen Wirtschaftsgebieten.

Der Zustand der Gleise und Anlagen ist derart katastrophal, dass bereits 2013 die Expresszüge mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km/h fahren werden. Jetzt gibt es 19 700 km Gleise, am Beginn des Kapitalismus waren es noch 24 000. Die letzte Übergabe einer Trasse von Katowice nach Warschau war 1977. Seither werden Strecken liquidiert und der Zustand der Gleise verschlimmert sich immer mehr. 2000 wurde bei 5% und jetzt schon bei 10% der Strecken eine Geschwindigkeitsbeschränkung veranlasst. Auf der Strecke Warschau – Krakau wird es möglich werden mit einer Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h zu fahren – soviel zum Gerede von modernen schnellen Zügen! Bis 2013 müssten 13 000 km Gleise erneuert werden. Nicht einmal für die Hälfte wird das Geld reichen. Zumal die entsprechenden Stellen nicht in der Lage sind die genauen Kosten einzuschätzen. Es wird befürchtet, dass weitere 3 500 Bahn-km stillgelegt und 2500 eingeschränkt werden. Von den 28 000 Brücken sind die Hälfte über 90 Jahre alt. Dort kann nur mit Fingerspitzengefühl gefahren werden.

Die Bahn will auch die Mehrheit der 2641 Bahngebäude abstoßen. 1000 sollen die Kommunen erhalten und 200 werden gesprengt. Auf dem Markt sind etwa 150 Bahnhöfe, darunter auch denkmalgeschützte Objekte aus der Zeit des Übergangs vom 19. ins 20. Jahrhundert. Experten halten es für möglich mit 400 Millionen Zloty innerhalb von 10 Jahren diese Bahnhöfe zu modernisieren. Aber die Neoliberale Politik verkauft sie eher für ein paar Groschen und belastet mit den Schulden die Bevölkerung. 83 strategisch wichtige Bahnhöfe sollen nur noch Eigentum der PKP bleiben. Entlassungen von 7 300 Eisenbahnern bei PKP Cargo sind vorgesehen, den übrigen werden die Zuschläge gekürzt. Entlassen werden sie zu 29 Beschäftigten mit einem Mal, damit sie statt für 9 nur für 3 Monate Übergangsgeld erhalten. Die Vorschläge der Gewerkschaft die Beschäftigten im Wechsel arbeiten zu lassen, wurden von den Chefs nicht berücksichtigt.

Ähnlich sieht es für die Beschäftigten der Regionalzüge aus. Kielce will die Hälfte der Belegschaft entlassen, weil nach ihren Berechnungen in Opole nur 3 anstatt wie in Kielce 6 Beschäftigte auf einen Zug entfallen. Da wird nicht gefragt, ob drei Beschäftigte ausreichend sind. Von einst 450 000 Eisenbahnern sind heute noch 100 000 beschäftigt. Es wird Zeit, dass die Eisenbahner und die Gewerkschaften die Sache in die Hand nehmen – auch im Interesse der Passagiere, denn bald werden viele der Möglichkeit beraubt mit der Bahn zur Arbeit zu kommen.

Absurde Situation bei der Bahn

Bis 2000 war die PKP (Polnische Staatsbahnen) eine Firma. Nach der Teilung in drei Bereiche in 2001 war es bisher möglich mit einer Fahrkarte sowohl Regional- als auch Schnell- und Expresszüge zu benutzen – mit den entsprechenden Zuschlägen für die Strecken. Jetzt kann es aber passieren, dass der Reisende 3-4 Fahrkarten braucht: für den Regionalzug, für den Intercity, für den Express und dann noch für einen regionalen privaten Anbieter. Zuvor war es auch möglich bei Verspätungen mit dem entsprechenden Vermerk auch einen Zug einer anderen Kategorie zu benutzen.

Auch viele Sonderangebote der Bahn hatten nach dem 1.12. 2008 wenig Nutzen, weil sie nur entsprechend für die jeweilige Zugformation galt. Die Fahrkarten sollten sich nicht verteuern. Aber da heute für entsprechende Strecken, wo unterschiedliche Züge benutzt werden mehrere Fahrkarten gekauft werden müssen, kann sich die Fahrkarte schon um 50% verteuern. Dazu kommt, dass es 5 Anbieter für die Regionalzüge gibt, so werden nicht bei allen die Fahrkarten gegenseitig anerkannt. In Zukunft werden die Regionalzüge unter den 16 Wojewodschaften aufgeteilt. Sind es Pessimisten, die weitere Absurditäten im Tarifdschungel der Bahn fürchten?

Quelle: Trybuna Robotnicza 21.05.09
Übersetzung: Norbert Kollenda, Berlin

neuste Polnische Presseschau vom 20.04.09:
http://www.europa-von-unten.org/index.php?id=159

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