Der Kölner ICE-3-Unfall vom 9. Juli 2008

unsere Pressemitteilungen dazu:

 

Was geschah bzw. unterlassen wurde

Berichterstattung über den Unfall
Strafanzeige gegen den Vorstand der DB AG
Untersuchung der Unfallursache
Ein Jahr nach ICE-Unglück: Börsenkurs geht weiterhin zu Lasten der Sicherheit der Fahrgäste

 

Am Mittwoch den 9.7.2008 entgleiste im Kölner Hauptbahnhof ein ICE-3. Nur Aufgrund der geringen Geschwindigkeit des ICE kam es nicht zu einem Unglück. Die Bahn ließ ihre ICE-Flotte weiter mit Höchstgeschwindigkeit fahren als ob nichts geschehen wäre.

Da der Bahnvorstand nicht bereit war, umgehend die gesamte ICE-3-Flotte auf Rissbildung zu untersuchen, erließ das Eisenbahn-Bundesamt 2 Tage später den folgenden Bescheid: Alle im Einsatz befindlichen ICE-3, die seit der letzten Ultraschallüberprüfung mehr als 60.000 Kilometer Laufleistung hatten, seien "aus dem Betrieb zu nehmen" und ohne Verzögerung auf "Rissfreiheit" zu überprüfen. Das EBA stellte dabei klar, dass die "sofortige Vollziehung dieses Bescheides (...) wegen Gefahr im Verzug als Notstandsmaßnahme im öffentlichen Interesse (...) angeordnet" wurde.

Die Bahn verschwieg diesen Anordnung und erklärte der Öffentlichkeit, die Deutsche Bahn AG habe als "Vorsichtsmaßnahme" alle ICE-3-Einheiten einer "Zusatzuntersuchung mit Ultraschall" unterzogen.

In einer Pressemitteilung wies das Bündnis "Bahn für Alle" am 16.07.2008 auf die EBA-Anordnung hin und zeigte den Zusammenhang zur Bahnprivatisierung auf.

Berichterstattung über den Unfall

In den maßgeblichen Medien gab es in den ersten zehn Tagen nach dem Kölner Unfall und zumindest bis zum Bericht des ZDF-Magazins "Frontal21" am 22. Juli 2008 zu den Vorfällen keine Berichterstattung, die der Bedeutung des Falls gerecht geworden wäre. Vor allem gab es in den relevanten Medien keine Hintergrundrecherchen, zum Beispiel solche über den Abbau der Sicherheitsstandards im Rahmen der Wartungsarbeiten. Auffallend ist auch die Tatsache, dass die Bundesregierung und die maßgeblichen politischen Parteien sich zu den Vorfällen öffentlich so gut wie nicht äußerten. Zur Berichterstattung im Juli siehe auch http://ice3.over-blog.de/

Spiegel-online brachte am 21. Juli, einen guten Artikel. Dort wurde die These vertreten - und wissenschaftlich untermauert - es habe sich beim Radsatzwellenbruch in Köln um einen "Ermüdungsbruch" gehandelt – ein Ereignis, das sich abgezeichnet hat bzw. das nach den vorausgegangenen ICE-Problemen zumindest nicht auszuschließen war. Man konnte also davon ausgehen, dass die darauf folgende Print-Ausgabe des "Spiegel" dies weiter verfolgen würde. Tatsächlich fehlte aber in der Spiegel-Print-Ausgabe jeder Hinweis auf diese Erkenntnisse. In der darauf folgenden Spiegel-Ausgabe (31/2008 vom 28. Juli 2008) gab es dafür einen äußerst "werthaltigen" Beitrag der DB AG. Gleich nach der "Hausmitteilung" und noch vor der Inhaltsangabe für dieses Heft fand sich eine zweiseitige Anzeige der "DB Mobility Networks Logistics". Es kann so gut wie ausgeschlossen werden, dass es unter den 1,5 Millionen Leserinnen und Lesern der Print-Fassung des "Spiegel" Menschen gibt, die aufgrund dieser großflächigen Anzeige nun Schenker-Kunde werden und einen Schwertransport bei dieser Bahntochter abwickeln. Dennoch macht die Anzeige natürlich Sinn. Und nicht nur im Spiegel erschienen großformatige Anzeigen der Bahn.

Es gibt zweifellos eine größere Zahl von Faktoren, die dazu führten, dass die Dimension des Kölner ICE-3-Unfalls der breiten Öffentlichkeit weitgehend vorenthalten wurden. Ein Faktor ist das Projekt der Bahnprivatisierung, das von den Parteien CDU/CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen grundsätzlich als richtig angesehen wird. Eine erhebliche Rolle könnte auch der Siemens-Konzern spielen. Der Siemens-Bereich Verkehrstechnik steht grundsätzlich auf dem Prüfstand. Die finanziell größten Hoffnungen der Verantwortlichen bei Siemens liegen auf dem Gebiet des ICE-3. Für die Baureihe Velaro, eine Weiterentwicklung des ICE 3, liegen Großaufträge aus Spanien, China und Russland vor. Jeder Rückschlag beim Weg an die Börse, und erst recht eine mögliche grundsätzliche Infragestellung der ICE-Technik durch den Unfall auf der Kölner Hohenzollernbrücke soll deshalb ausgeblendet werden.

Aufgrund der unzulänglichen Berichterstattung entschloss sich "Bahn für Alle" am 5.8.08 eine 8-seitige taz-Beilage zu veröffentlichen. Die Kosten von mehreren tausend Euro konnten dank vieler SpenderInnen aufgebracht werden.

Strafanzeige gegen den Vorstand der DB AG

In der taz-Beilage von "Bahn für Alle" erschien auszugsweise auch die Strafanzeige gegen den Vorstand der Deutschen Bahn AG wegen des Verdachts des gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr, § 315 StGB. Professor Karl-Dieter Bodack, Professor Dr. Heiner Monheim, Andreas Kleber und Dr. Winfried Wolf stellten die Strafanzeige am 29.07.2008 bei der Staatsanwaltschaft Köln.

Am 14.08. behauptet die Kölner Staatsanwaltschaft, sie habe die Anzeige nicht erhalten, was schlicht die Unwahrheit ist. Die Zustellung wurde gerichtsfest dokumentiert. Mündlich erklärt die Kölner Staatsanwaltschaft, dass WENN sie die Anzeige denn erhalten haben würden, sie erklären würden, nicht zuständig zu sein. Da gelte der Firmensitz (Berlin) - und nicht das Tatortprinzip (Tatort = Hohenzollernbrücke, Köln). Deshalb wurde am 14.08. gewissermassen ergänzend und hilfsweise die Strafanzeige auch der Berliner Staatsanwaltschaft zur Kenntnis gebracht, und dabei erklärt, dass die Kölner Staatsanwaltschaft sich faktisch weigert, die Strananzeige zur Kennntis zu nehmen.

Am 14.08. berichtet "Monitor" über die nicht dauerfesten Radsatzwellen der ICE-3. Darunter neue Dokumente, die belegen, dass die Bahn INTERN selbst das Problem kennt.

Ergänzend zu dem Monitor-Bericht und zu der nicht-annahme der Strafanzeige veröffentlichte Winfried Wolf am 14.08. den Artikel Sicherheitsrisiko Bahnvorstand - Deutsche Bahn AG lässt trotz schwerer Vorwürfe unsichere ICE-3 weiter verkehren

Am Freitag den 19. September gab es eine gut besuchte Pressekonferenz im Düsseldorfer Landtag. Horst Becker (NRW-MdL,Die Grünen), Prof. H. Monheim und Winfried Wolf stellten einen Aufruf zum Aussetzen des Bahnbörsengangs vor, sprachen zum Stand der Untersuchung der ICE-3-Radsatzwellen und die Strafanzeige gegen Mehdorn. Die Kölner Staatsanwaltschaft weigerte sich nach wie vor, die Anzeige gegen Mehdorn und den Rest des Bahnvorstandes überhaupt zu registrieren, geschweige denn dieser ein Aktenzeichen zu geben. Deshalb wurde die gleiche Anzeige Anfang August in Berlin eingereicht. Die Berliner Staatsanwaltschaft teilte jedoch mit, dass Köln zuständig sei. Der Sachverhalt wurde in der Pressekonferenz ausführlich vorgestellt. Keine 3 Stunden nach Ende der Pressekonferenz rief die Staatswanwaltschaft Köln im Büro des Rechtsanwalts an und teilte das Aktenzeichen mit - es lautet: 10 U Js 181/08.

Untersuchung der Unfallursache

Am 16. Oktober berichtet die Financial Times Deutschland über einen weiteren Riss in einer ICE-Achse. Ein zwei Millimeter tiefer Riss wurde bei der Ultraschalluntersuchung in der Achse eines ICE entdeckt. Die Achse besteht aus einem ähnlichen Material wie bei dem im Juli in Köln entgleisten ICE-3. Das Eisenbahn-Bundesamt ordnete verschärfte Kontrollen an und teilte mit, Grund dafür sei, dass die Bahn derzeit zu einer millimetergenauen Überprüfung der Radsatzwellen technisch noch nicht in der Lage sei. Daraufhin habe man eine zweimillimetergenaue Überprüfung angeordnet mit der gleichzeitigen Verfügung, die Inspektionsintervalle zu halbieren, sagte ein Sprecher.

Am 17. Oktober, 14 Wochen nach dem Bruch der ICE 3-Radsatzwelle lud "Bahn für Alle" zu einer Pressekonferenz zum Thema Sicherheit der ICE-Flotte. In der Pressemitteilung weist "Bahn für alle" auf die enormen Sicherheitsrisiken hin, die seit einem Vierteljahr geheim gehalten werden. Bereits seit 2001 gab es Radsatzwellenbrüche an ICE, die die Bahn zu verschleiern versuchte. Hinsichtlich des Unfalls am 9. Juli gibt es Belege, die auf einen Ermüdungsbruch hinweisen, was wiederum darauf hindeutet, dass alle ICE-3-Radsatzwellen nicht dauerfest sind. Drei Monate nach dem Unfall gibt es jedoch weder von der Bahn noch von der Staatsanwaltschaft oder dem Eigentümer Bund eine klare Aussage über die Ursachen des Achsbruchs. Die Veröffentlichung des für Mitte Juli angekündigten Gutachtens wird immer wieder hinausgezögert.

Am 24. Oktober veröffentlicht Winfried Wolf einen umfassenden Beitrag zur aktuellen Lage im Schienenverkehr allgemein, zur ICE-3-Problematik im besonderen und darauf aufbauend zum Thema Bahnbörsengang: MCC - Mehdorns Chaos Club.

Am 07.11. berichtet Monitor erneut über die ICE-Achsbrüche. Die Pressemitteilung von "Bahn für Alle" geht auf das Gutachten des Bundesamtes für Materialforschung ein, welches 6 Wochen lang unterdrückt wurde. Bei der ICE-Achse wurden systematische Fehler gefunden. Die DB AG wusste von den Fehlern. Winfried Wolf bewertet die Vorgänge umfassend in seinem Artikel Tiefensee - Mehdorn: Verantwortungslose Verantwortliche.

Zur Unfallursache:

 

Am 13.11. fordert "Bahn für alle" in einer Pressemitteilung dass der Skandal um die ICE-Achsen Konsequenzen für die Bahnpolitik haben muss. Eine neue Studie belegt, dass die ICEs auf überlasteten Achsen durch das Land rasen.

 

Bündnis Bahn für alle