<h6 style="text-align: right;">Sonderzeitung des Bündnisses Bahn für Alle - Winter 2008/09
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<h2>
„Die Gefahren werden ignoriert“ <br /></h2><h3>
Interview mit Prof. Vatroslav Grubisic
</h3><p>
<span style="font-style: italic;">Herr Grubisic, wie sicher ist der
ICE-3?</span></p><p>Seit dem Unfall in Köln werden
die problematischen Achsen bis
zu zehn Mal häufiger kontrolliert.
Nun können gefährliche Risse
früher erkannt werden. Dadurch
sinkt das Risiko von Achsbrüchen,
die katastrophale Folgen haben
können. Man kann also jetzt ohne
Angst ICE fahren. Der Zug ist sicherer
als jede Autofahrt.
</p><p>
<span style="font-style: italic;">Und vor dem Kölner Unfall?
</span></p><p>
Da waren die Kontrollabstände
viel zu groß. Ich warne seit langem
vor den problematischen
Achsenkonstruktionen des ICE-3, seit drei Jahren auch in Fachzeitschriften.
Noch im April 2008
habe ich im führenden Branchenblatt
ZEVrail die Überprüfung der
Konstruktion von ICE-3-Radsatzwellen
verlangt. Doch die Bahn
und die Industrie haben die Probleme
weiter verharmlost, anstatt
zu handeln.
</p><p>
<span style="font-style: italic;">In Eschede starben vor zehn Jahren
101 Menschen. Sehen Sie Parallelen?
</span></p><p>
Einige. Auch damals stellte die
Bahn das Unglück als unvorhersehbare
Katastrophe und bedauerlichen
Einzelfall dar, dessen Ursache
äußere Einflüsse gewesen
seien. Es wurden jede Menge Nebelkerzen
gezündet. Der Konzern
beauftragte teure Gutachter und
Anwälte, damit nicht herauskam,
dass es in Wahrheit Fehler im
System gab.
</p><p style="font-style: italic;">
Sehen Sie jetzt wieder solche
Fehler?
</p><p>
Darauf deuten viele Fakten hin.
Schon 2002 brach bei einem ICE-TD
eine Achse aus dem gleichen
Material wie die Kölner Achse.
Beide Bruchbilder sind praktisch
identisch. Die Bahn, die Industrie
und die Aufsichtsbehörde waren
seit Jahren gewarnt, auch durch
meine Hinweise. Trotzdem musste
erst eine Beinahe-Katastrophe
passieren, bis das Eisenbahnbundesamt
endlich strengere Risikokontrollen
bei ähnlich problematischen
Achsen durchsetzte. <br /></p><p><span style="font-style: italic;">Hat die Aufsichtsbehörde versagt? </span><br /></p><p>
Das Eisenbahnbundesamt ist
ebenso dem Berliner Verkehrsministerium
unterstellt wie die
Bahn. Das ist keine gute Konstruktion.
Besonders, wenn die
Regierung mit einem Börsengang
des Staatskonzerns Milliarden
erlösen will, sind Interessenkonflikte programmiert. <br /></p><p>
<span style="font-style: italic;">Sie meinen, die Prüfungen und
Auflagen für die Bahn fallen
milder aus, um der Bahnprivatisierung
nicht zu schaden? </span><br /></p><p>Das hoffe ich nicht. Doch fest
steht: Die Aufsicht hätte viel früher,
möglichst durch Einschaltung
unabhängiger Fachexperten, eine
Überprüfung der Dauerhaltbarkeit
der Radsatzwellen von ICE-Zügen
veranlassen sollen.
</p><p>
<span style="font-style: italic;">Welche Ursache hat für Sie der
Kölner Achsenbruch?
</span></p><p>
Es ist ein klarer Ermüdungsbruch.
Das zeigt die Schadenanalyse
der Bundesanstalt für Materialforschung
und -prüfung in Berlin
eindeutig. Die Belastung der
ICE-3-Achsen ist zu hoch, die
von der Industrie versprochene
Dauerfestigkeit ist nicht gegeben.
Einfach gesagt: Die Achsen
sind schlicht unterdimensioniert
angesichts der extrem hohen
Anforderungen, denen die ICE-3-Züge täglich ausgesetzt sind.
</p><p>
<span style="font-style: italic;">Wie ist so etwas möglich? Gibt es
keine Sicherheitsnormen?
</span></p><p>
Die Europäischen Normen zur
Auslegung von Achsen müssen
geändert werden. Auch das
Deutsche Institut für Normung
(DIN) hat schon 2003 diesen
Vorgaben widersprochen, weil sie
nicht künftigen Anforderungen
entsprechen. Die Normen berücksichtigen
weder höherfeste
Werkstoffe wie (der beim ICE-3
eingesetzte) 34CrNiMo6, noch wird
die Häufigkeit einzelner Betriebsbeanspruchungen
berücksichtigt.
Trotzdem werden bis heute Züge
danach gebaut, die angeblich
dreißig Jahre halten sollen. Das
kann nicht gut gehen.
</p><p style="font-style: italic;">
Die Kölner ICE-Achse ist schon
nach kaum acht Jahren Laufzeit
gebrochen. Das hat Sie also nicht
überrascht?
</p><p>
Doch. Ich habe aufgrund meiner
Berechnungen die Ermüdungsbrüche
nach zwölf bis fünfzehn Jahren
erwartet. Also ist entweder
die Belastung im Betrieb höher
oder die Schwingfestigkeit noch
geringer als man bei der Berechnung
der Lebensdauer annahm.
</p><p>
<span style="font-style: italic;">Sind Achsbrüche ein neues Problem
für die Bahn?
</span></p><p>
Überhaupt nicht. Schon vor 150
Jahren gab es Zugunglücke wegen
gebrochener Achsen. Der
Wissenschaftler August Wöhler
kam damals zum Ergebnis, dass
die Achsen wegen der starken zyklischen
Wechselbeanspruchung
brechen. Die statische Berechnung
der Achslasten ignorierte
diese Tatsache lange. Man machte
Erdmagnetismus und andere
dunkle Mächte für die Brüche
verantwortlich — bis man einsah,
dass die Achsen einfach zu
schwach ausgelegt waren.
</p><p>
<span style="font-style: italic;">Wird diese Erkenntnis heute von
der Industrie wieder missachtet?
</span></p><p>
In gewissem Sinne schon. In
den letzten zwanzig Jahren hat
sich die Belastung der Fahrwerke
durch viel höhere Geschwindigkeiten,
stärkere Bremsen und
die Neigetechnik massiv erhöht.
Trotzdem setzt die Norm für die
Dauerfestigkeit der ICE-Achsen
nur eine Lastspielzahl von 10 Millionen
voraus. Das ist zu wenig.
</p><p>
<span style="font-style: italic;">Was heißt das konkret für den
ICE-3?
</span></p><p>
Ein ICE-3 ist pro Jahr fast 500.000
Kilometer unterwegs, und zwar
vielfach mit Tempo 300 und mehr.
Die Folge: Schon nach zwanzig
Tagen erreichen die Züge etwa
40.000 Kilometer und die Achsen
die angenommene Lastspielzahl
von 10 Millionen. Der Werkstoff
ermüdet. Es entstehen Risse,
die je nach Achsenauslegung,
Schwingfestigkeit und Betriebsbelastung
immer größer werden.
Werden diese Risse wie in Köln
nicht rechtzeitig entdeckt, führt
das zwingend zum Achsbruch.
</p><p>
<span style="font-style: italic;">Warum hat das bisher niemand
außer Ihnen bemerkt?
</span></p><p>
Diese Gefahren sind längst bekannt.
Doch sie werden ignoriert
oder heruntergespielt. Es wurden
immer andere Ursachen für die
festgestellten Risse und Brüche
aufgeführt und keine richtigen
Konsequenzen gezogen.
</p><p style="font-style: italic;">
Ihre Ansichten sind umstritten.
Einige Experten behaupten, bei
modernen Bahnachsen könne es
kaum Risse oder gar Brüche wegen
Materialermüdung geben.
</p><p>
Solche Behauptungen sind
schlicht fahrlässig. Fakten wie die
in Köln belegen das Gegenteil. In
den letzten Jahren gab es wiederholt
Anrisse und Brüche bei
Achsen und Fernzügen der DB
wegen Materialermüdung. Das
ist alles genau dokumentiert und
nachprüfbar.
</p><p>
<span style="font-style: italic;">Können nicht auch Materialfehler
die Ursache sein? Bei der Kölner
Achse gab es Einschlüsse im
Stahl.
</span></p><p>
Solche Einschlüsse gibt es immer
wieder. Sie können nur durch extrem
teure Fertigungstechnologien
ausgeschaltet werden. Viel
sinnvoller und wirtschaftlicher ist
es, die Achsen von vornherein
richtig zu dimensionieren.
</p><p style="font-style: italic;">
Wann kann der ICE-3 wieder
ohne zehnmal häufigere Achskontrollen
fahren?
</p><p>
Dafür müssen die Achsen durch
fertigungstechnische oder konstruktive
Maßnahmen an den
kritischen, besonders stark beanspruchten
Stellen verstärkt
werden. Nach meinen Berechnungen
würde bei gleicher Konstruktion
und gleichem Werkstoff
schon eine um 9 Prozent höhere
Wandstärke der Achswelle reichen.
Damit würde die geforderte
Lebensdauer von 15 Millionen
Kilometern oder dreißig Jahren
erreicht. Danach könnten die Inspektionen
wieder auf ein akzeptables
Maß verringert werden.
</p><p>
<span style="font-style: italic;">Und wie können in Zukunft neue
Risse und Brüche vermieden werden?
</span></p><p>
Bei Achskonstruktionen müssen
die tatsächliche Betriebsbeanspruchung
und die Ermüdungsfestigkeit
berücksichtigt werden.
Nur dann kommt man zu richtigen
Ergebnisen bei der Dauerhaltbarkeit
der Achsen. In der deutschen
Autoindustrie ist das längst Stand
der Technik. Andernfalls sind die
nächsten Probleme bei der Bahn
vorprogrammiert.
</p><p style="font-style: italic;">
Das Gespräch führte Thomas Wüpper (Berlin).</p><p style="font-style: italic;"><br /></p><h3>
Vatroslav Grubisic
</h3>Seinen Ruf als „Räderpapst“ hat sich
Vatroslav Grubisic redlich verdient.
Der 75-jährige Professor gilt als kritischer,
unabhängiger Experte und
einer der besten Fachmänner für die
Betriebsfestigkeit von Konstruktionen.
Bis 1996 war Grubisic insgesamt 35
Jahre lang am angesehenen Fraunhofer
Institut für Betriebsfestigkeit
in Darmstadt als Abteilungsleiter und
Vizechef tätig. Sein Spezialgebiet: Spannungsanalyse und Festigkeitsbeurteilung,
insbesondere die betriebssichere Auslegung
von Fahrzeugteilen. Bis heute ist Grubisic
als Hochschullehrer, in
der Weiterbildung und als Gutachter tätig.<br /><br /><br />
<p style="background-color: rgb(204, 204, 204);">Veröffentlichung des Bündnisses „Bahn für Alle“ als Beilage in der taz am 22. Dezember 2008 sowie als „Sonderzeitung für eine Bürgerbahn“. Texte und Layout wurden ehrenamtlich erstellt. Trotzdem kostet der Druck der Zeitung mehrere Tausend Euro. Unterstützen Sie die Kampagne mit einer <a target="_blank" href="http://www.bahn-fuer-alle.de/pages.php">Spende</a>. Die Beilage kann als Sonderzeitung über den <a href="http://shop.attac.de/product_info.php?cPath=6_57&products_id=668" target="_blank">attac-Webshop</a> bestellt werden. Sie eignet sich gut für Aktionen vor Ort - zum Verteilen vor Bahnhöfen, zum dezenten Hinterlassen in Zügen, für Stände usw.</p><br />

