Sonderzeitung des Bündnisses Bahn für Alle - Winter 2008/09
Ursachen des Kölner Achsbruchs
von Carl-Friedrich Waßmuth
Der Bruch der Radsatzwelle in Köln war ein Ermüdungsbruch. Das geht aus der Schadenanalyse der Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) zweifelsfrei hervor. Es handelt sich dabei auch nicht um eine Hypothese oder ein vorläufiges Ergebnis, ein Eindruck, den Sprecher der DB AG immer wieder versuchen zu erwecken. Dass ein Ermüdungsbruch stattgefunden hat, und dass er vor der Einfahrt nach Köln stattgefunden hat, wird in der BAM-Analyse eindrucksvoll und abschließend belegt. Hypothesen gibt es noch hinsichtlich der Frage, wie es überhaupt zu einer Gesamtsituation kommen kann, in der weit vor dem Erreichen ihrer Lebensdauer, ja zwischen zwei Kontrollintervallen, Achsen infolge Materialermüdung brechen.
Endlos dauerfest
Die DB AG operiert teilweise noch mit einer nahezu ideolgischen Definition von Dauerfestigkeit. Darauf hat Professor Grubisic (siehe Interview) mehrfach hingewiesen. Man geht dort noch wie vor 150 Jahren davon aus, dass die Radsatzwellen unterhalb einer bestimmten Beanspruchung (theoretisch) unendlich viele Lastwechsel ertragen. Tatsächlich ist allgemein bekannt, dass Bauteile, die einem realen Betriebseinsatz unterliegen, dieses Verhalten nur in Ausnahmefällen und unter bestimmten Voraussetzungen zeigen. Das Konzept aus dem 19. Jahrhundert zeitigt nur bei der Einführung ausreichender Sicherheitsfaktoren zuverlässige Ergebnisse.
Lasten höher als angenommen
Hier kommt ein Hinweis von Dipl.-Ing. Eberhard Happe zum Tragen: Stöße infolge zu steifem und unebenem Gleisunterbau und von Unebenheiten in den Rädern und auf dem Gleis werden von der Bahn nicht nur in der Anzahl, sondern auch in der absoluten Größe unterschätzt, insbesondere die im Betrieb auftretende Zahl hoher und „mittelhoher” Lasten. Prof. Grubisic hat ebenfalls (zusammen mit Dr. Fischer vom Fraunhofer Institut für Betriebsfestigkeit-LBF) eine Unterschätzung der Lastannahmen festgestellt.
Empfindlicher Stahl
Aus verschiedenen Gründen wurde nun von der DB AG ein sogenannter hochfester Stahl eingesetzt. Prof. Karl-Dieter Bodack wies in diesem Zusammenhang auf Erkenntnisse über solche hochfeste Stähle hin, wonach diese gegenüber konventionellen Stählen im Vergleich zu den Gewinnen an statischer Festigkeit nur ganz geringfügig verbesserte Eigenschaften hinsichtlich Materialermüdung mit sich bringen. So sind hochfeste Stähle im Verhältnis zu ihrer statischen Festigkeit deutlich anfälliger für Kerben, Materialinhomogenitäten und Reibkorrosion. Wird also eine Welle analog zur höheren statischen Festigkeit ausgelegt, dann ist sie hinsichtlich der Materialermüdung zwingend deutlich höher ausgelastet.
Wartung „gespreizt“
An dieser Stelle kommt die Frage
der Wartung ins Spiel: Die für
die endlose Dauerfestigkeit erforderliche
perfekte Oberfläche
der ewig haltbaren Achsen muss
ja daraufhin geprüft werden, ob
sie noch perfekt ist. Ist das nicht
mehr der Fall, dann ist die schöne
endlose Dauerfestigkeit dahin.
Nun wird jedoch die Wartung und
die Kontrolle der Wartung von der
Deutschen Bahn AG selbst vorgenommen
und dieses Unternehmen
steht spätestens seit Ankündigung
eines Börsengangs, unter
Renditedruck. Inzwischen ist auch
belegt, dass Wartungsintervalle
immer weiter gestreckt wurden.
Geringere Wartung bewirkt auch
eine höhere Belastung: Wenn Intervalle
verdoppelt werden, dann
kann es dazu kommen, dass über
einen nicht unerheblichen Zeitraum
während des Intervalls der
Betrieb bei Vorliegen größerer
Unebenheiten der Gleise und Unrundheiten
der Räder erfolgt. Das
wiederum resultiert in größeren
Stößen, die sich quasi im Inneren
der Radsatzwellen im Material
summieren: über beschleunigten
Rissfortschritt. Zusammengefasst
ging die DB AG also offenbar davon
aus, ihre endlos dauerfesten
Radsatzwellen mit perfekten
Oberflächen, die auf ebenen Gleisen
dahingleiten, müsse man nur
alle Jubeljahre und das auch nur
pro forma mal anschauen. Und
eine „Spreizung” auf alle zwei
Jubeljahre könne gefahrlos als
„Optimierung” dargestellt werden
(siehe DB-Grafik).
Die Bahn behauptete, es habe keine Veränderung der Wartungsintervalle bei den ICE-Radsatzwellen gegeben.
Das oben stehende „streng vertrauliche″ Dokument aus dem Aufsichtsrat der DB AG belegt das Gegenteil: Es
gab „Spreizungen″ der Intervalle von 18 bis 100 Prozent innerhalb des Dreijahreszeitraums 2003-2005.
Wissen und Unwissen
Die DB weiß, wie unrund ihre Räder sind und was sie nächtlich an Unebenheiten wegschleift, die Güterzüge in die Hochgeschwindigkeitsstrecken geschlagen haben. Die DB hat auf einigen ICE-Strecken Schotter durch steifen Beton-Untergrund ersetzt und sich für leichtere, aber rissanfällige Achsen entschieden. Zu allem kommt: Sich dumm zu stellen, ist als Bahnbetreiber nicht erlaubt. Fundamentale Kenntnisse in Sicherheitsdingen gehören zur „Betreiberverantwortung gemäß § 4 Abs. 1 AEG”. Nach Aufkündigung der Systempartnerschaft mit der Bahnindustrie im Zuge der formalen Bahnprivatisierung 1994 ist der für eine zuverlässige Auslegung von Bauteilen erforderliche Kreislauf aus Berechnung, Bestätigung im Versuch und Betriebserfahrung zerfallen. Benötigte Felddaten der DB AG wurden zum Betriebsgeheimnis. Berechnungen erfolgen isoliert, die Überprüfung im Versuch entfällt. Die Bahnindustrie liefert grüne Bananen in der Erwartung aus, dass diese beim Kunden Bahn schon noch irgendwann reifen würden. Die DB AG macht mit. Da ist es gleichzeitig logisch und doch irrwitzig, dass die Ergebnisse dieser hochproblematischen Feldversuche - wie zum Beispiel Achsbrüche - nicht veröffentlicht, sondern weitgehend unterdrückt werden. Und so wird aus Fehlern nicht einmal gelernt. Gerne würden wir sehen, dass unsere Schlüsse unrichtig und voreilig sind. Denn eines möchten wir nicht glauben: Dass die DB mit uns im Blindflug durchs Land rast, in der zynischen Gewissheit, dass die Bahn rein statistisch auch nach einem zweiten Eschede noch das sicherste Verkehrsmittel ist.
„Der vorliegende Fall hat sich glücklicherweise bei Schrittgeschwindigkeit
ereignet. Wäre dasselbe Ereignis bei Streckengeschwindigkeit von
bis zu 300 km/h aufgetreten, hätte sich mit nicht unerheblicher Wahrscheinlichkeit
eine Katastrophe wie in Eschede ereignen können.“
Veröffentlichung des Bündnisses „Bahn für Alle“ als Beilage in der taz am 22. Dezember 2008 sowie als „Sonderzeitung für eine Bürgerbahn“. Texte und Layout wurden ehrenamtlich erstellt. Trotzdem kostet der Druck der Zeitung mehrere Tausend Euro. Unterstützen Sie die Kampagne mit einer Spende. Die Beilage kann als Sonderzeitung über den attac-Webshop bestellt werden. Sie eignet sich gut für Aktionen vor Ort - zum Verteilen vor Bahnhöfen, zum dezenten Hinterlassen in Zügen, für Stände usw.

